22.01.09
Wenn Bergs Musik für Begeisterung sorgt
Bennewitz-Quartett aus Prag spielte in Karlsruhe


Bennewitz-QuartettEs gibt Abende, da springt selbst bei der Zwölftonmusik der Funke über – und zwar derart, dass das Publikum bei Alban Berg in echte Begeisterung gerät. Das schafft beispielsweise das junge Bennewitz-Quartett aus Prag, Gewinner des Borciani-Wettbewerbs und nun im Stephanssaal zu Gast bei den Karlsruher Kammermusikfreun-
den.
Im Gepäck hatten die vier (Jiri Nemec und Stepan Jezek ,Violinen, Jiri Pinkas, Viola, und Stepan Dolezal, Violoncello), die ihr Ensemble nach dem tschechischen Geiger und Pädagogen Antonin Bennewitz benannt haben, ansonsten Smetana und Mozart: Das Streichquartett G-Dur (KV 156) beispielsweise gehört zu Mozarts frühen Auseinandersetzungen mit dieser Gattung; für die „lange Weile“ auf einer Italienreise wurde es geschrieben, und es klingt tatsächlich, als sei es eben mal hingeworfen. Das verleitet dazu, das Quartett als Aufwärmstück zu betrachten und es auch so zu spielen - aber die jungen Musiker machen mehr daraus: Gekonnt werfen sie sich im ersten Satz die Bälle zu; es ist ein wachsames Ausloten, sofort kommt man zum Punkt – und das muss auch so sein, denn kaum hat man die ersten Impulse gesetzt, ist der Satz auch schon zu Ende. Als Kontrast folgt nun im Adagio ein spannungsvoller Phrasenaufbau, jeder scheint darauf erpicht zu sein, auf seine Art zur Sanglichkeit beizutragen; im Finale sind es die großen Ausholbewegungen und die aufmerksame Rhetorik, die hervorstechen: Mit diesem Werk setzt das Bennewitz-Quartett Maßstäbe für das, was folgt.

Bergs „Lyrische Suite“ ist der erwähnte vorläufige Höhepunkt. Diesem sechssätzigen Werk wurde ein verstecktes Programm eingearbeitet, das die Liebesbeziehung zwischen dem Komponisten und seiner Muse - der Industrieellengattin Hanna Fuchs-Robettin - beschreibt: Zuerst eine „belanglose Stimmung“, dann das Liebesgeständnis und die nachfolgenden „Schrecken und Qualen“. Den ersten Satz tragen rasche Aufwärtsbewegungen, die meist in einen schimmernden, fast weißen Klang münden; der zweite Satz beginnt zwielichtig, gedehnt, er breitet sich sehnsuchtsvoll aus, verdichtet sich. Geheimnisvolle Momente setzen Impulse: Zum Beispiel einige Signaltöne in der Bratsche, die von den anderen drei Instrumenten in einem nebulösen Klangschweif umspielt werden. Im dritten Satz ist der Klang gedämpft, klirrende Schleifgeräusche jagen kalten Schauer über den Rücken – überhaupt ist es immer wieder dieses geräuschhafte Stegspiel, dieses Kratzen und Schaben, das mit den zum Teil heißblütig anschwellenden Passagen wechselt: Vollkommene Stille im Publikum, Raunen zwischen den Sätzen.

Auffallend ist zudem die edle Klangkultur. Die Saiten scheinen ganz leicht und vollkommen weich anzusprechen, selbst dann noch, wenn die vier dicht am Klang nach vorne spielen: Man denkt an andere Ensembles, bei denen sich hier bereits Schärfen einschleichen. Diese Schärfen behält sich das Bennewitz-Quartett indessen für ausgesuchte Passagen vor; beispielsweise, um in abrupten Stimmungswechseln die Atmosphäre jäh zu zerschneiden.

Zum Abschluss dann das nicht minder eindrucksvolle Streichquartett e-moll („Aus meinem Leben“) von Bedrich Smetana. Es beginnt schicksalhaft, nimmt Smetanas spätere Taubheit vorweg; die Bratsche fährt gleich zu Beginn auf, es klingt wie eine Mahnung. Dann folgt ein sehnsuchtsvolles Strömen, wechselnd mit ruppigen Passagen aus kantigen Rhythmen und kompromissloser Härte, gelegentlich ein plötzliches Abdriften in dunkle Farben. Eindrucksvoll, wie das Cello im dritten Satz erst sinniert und dann nachdrücklich wird, wie die vier selbst in den eher unbewegten Passagen nicht belanglos agieren, sondern immer – so scheint es – auf die entscheidende Wendung gefasst sind. Diese Wendung kommt dann im vierten Satz, nach einem sprudelnden, tänzerischen Beginn: Eine scharfe Bewegung, und der Klang scheint wie schockgefroren. Ein wehmütiges, zaghaftes Ausklingen – dann ein begeisterter Applaus für soviel mitreißende Erzählkunst. Dass die vier am Ende mit der Bearbeitung eines Bach-Chorals („Nun danket alle Gott“) die Atmosphäre gekonnt neutralisieren, spricht einmal mehr für ihre Qualitäten. 



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