25.01.09 Ein episches Drama Daniel Müller-Schott und Christopher Tainton begeisterten in Bruchsal
Meisterwerke für Violoncello von einem führenden jungen Interpreten: Daniel Müller-Schott gastierte bei den Bruchsaler Schlosskonzerte, und gemeinsam mit dem Pianisten Christopher Tainton machte er den Abend zum epischen Drama.
Zu Beginn Beethovens C-Dur-Sonate op. 102: Sie läutet nicht nur dessen Spätwerk ein, sondern ist vor allem deswegen von Bedeutung, weil es
hier kein Vorbild gab.
Daniel Müller-Schott gleitet in die ersten Takte hinein, als spiele er nur für sich: gedankenverloren, ganz sanft, aber keinesfalls vorsichtig: Ein paar Töne, und der Ausdruck ist so-
fort da. Daneben setzt Christopher Tainton am Klavier einen klaren Rahmen; ganz im Sinne des „Andante“ bewegt er sich in einer ruhigen Schreitbewegung vorwärts, immer mit zielgerichteten Akzenten: Man umspielt sich, entwickelt aus der Ruhe den nächsten Erregungsimpuls. Das alles ist so klar, so logisch im Aufbau – und dennoch so überraschend: Da wächst aus einem Cello-Gemurmel in der Tiefe plötzlich eine feine, hell aufsteigende Melodie und aus einem leichten Parlieren eine große, ungestüme Geste, bei der die Töne wild angestoßen und wütend abgerissen werden. Reizvolle Pole hat die Sonate: Hier halten Gegenbewegungen die Spannung, und, ganz der Intention eines intimen Zwiegesprächs folgend, fällt man sich bisweilen lebhaft ins Wort und ergänzt sich dennoch.
Das Ungestüme, das dramatisch Aufgewühlte ist dann die zentrale Empfindung in der Cello-Sonate F-Dur op. 99 von Johannes Brahms. Hier entladen sich enorme Kräfte: Eine schwingende Aufwärtsbewegung – und schon ist man mittendrin in diesen aufpeitschenden, aufrührerischen Bewegungen, die so schnell kreisen, dass man als Hörer beinahe den Boden unter den Füßen verliert und das Gefühl hat, die Musik ziehe sich zusammen oder werde bis zum Zerreißen gedehnt. Problematisch ist hier eigentlich nur, dass der üppige Klavierklang das Cello manchmal bis an seine Grenzen drängt, und - so scheint es - zum Zweikampf heraufordert.
Das Faszinierende passiert jedoch dann, wenn diese Kräfte zum Erliegen kommen: Denn dann besänftigt sich die Szenerie eindrucksvoll, alles hätte es die Stürme vorher nicht gegeben. Vor allem im zweiten Satz: Hier wird weich ausgesungen, aber nicht mit einer oberflächlichen Leichtigkeit, sondern stets vor dem Hintergrund des zuvor Erlebten. Und schließlich verschwindet der Klang wie ein sanfter Nach-Gedanke.
Mit Anton Webern folgt der scharfe Kontrast: Seine „Drei kleinen Stücke“ für Violoncello und Klavier sind Destillate. Die Stimmungen erscheinen hier wie unter einem Brennglas: Erst zart schleifend, dann impulsiv-abgerissen, schließlich murmelnd, schwingend, aufbäumend, teilweise mit gläsernem Stegspiel.
Und dann stürzen sich die beiden wieder hinein in die romantische Emphase: In der Sonate g-moll op. 19 von Sergej Rachmaninow breiten sich beide Partner erzählerisch aus, es sind durchgängige, emotional packende Bewegungen. Das beginnt mit schon am Anfang, mit einer zarten Geste, die sich schnell verdichtet – und mit abgefangenen Phrasen, in denen alles passiert. In dieser Sonate wechseln die Farben wie in einem Kaleidoskop, und darüber liegen immer wieder diese ausgesprochen weichen und ansprechenden Melodien – eine der großen Stärken Rachmaninows, welche Müller-Schott und Tainton nochmals in „Vocalise“, einem beliebten Zugabenstück, beweisen: Ein großartiger Abend.