27.01.09 Im Salon der Pauline Viardot Turgenjews "Lied der triumphierenden Liebe" in Baden-Baden
Fast war es, als hätte Pauline Viardot-Garcia in ihren Salon gebeten: Ein Abend mit Iwan Turgenjews Novelle „das Lied der triumphierenden Liebe“, eingerahmt von Viardots stimmungsvollen Gelegenheitswerken und dazu unter anderem Ernest Chaussons „Poème“, das wiederum auf der Grundlage von Turgenjews Erzählung entstand.
In diesem Programm ist alles
mit allem verwoben. Denn Turgenjew war ein Freund der Sängerin und Komponistin Pauline Viardot-Garcia; eine Affäre zwischen Gabriel Fauré und Marianne Viardot, der Tochter des Hauses, lieferte Turgenjew den Stoff für seine Novelle. Gleichzeitig hat ihn Faurés leidenschaftliche A-Dur-Sonate für Violine und Klavier dazu angeregt, und Chausson wiederum ließ sich von Turgenjew
inspirieren.
In diesem Fall ist also der Salon der Pauline Viardot nicht nur Podium, sondern Keimzelle für die Kunst, und dementsprechend wählte auch das Festspielhaus seinen Spielort: das traditionsreiche Theater Baden-Baden, 1862 fertiggestellt. Der kleine Raum schafft nicht nur jene intime Salon-Atmosphäre, sondern umgeben von verzierten Logen, üppigen Deckgemälden und rot gepolsterten Sesseln fühlt man sich zudem sofort in die Zeit der Salons hineinversetzt – hinzu kommt noch, dass Pauline Viardot ihren musikalisch-literarischen Salon tatsächlich in Baden-Baden unterhielt: In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war er gewissermaßen das Kulturzentrum der Kurstadt, noch dazu mit überregionalem Ruf. Hier traf sich alles, was Rang und Namen hatte: Von Clara Schumann über Theodor Storm bis hin zu Otto von Bismarck, der hin und wieder als Zuhörer kam.
"Das Lied der triumphierenden Liebe“ hat alles, was eine packende Erzählung aus der Zeit der Romantik ausmacht: Sie spielt während der ausgehenden Renaissance-Zeit in Italien; zwei Freunde buhlen um die Gunst einer tugendhaften Schönheit. Diese gibt Fabio, dem hellhäutigen Blonden, den Vorzug, während Muzio, der glutäugige Dunkle, daraufhin eine ferne Reise in den Orient antritt. Als er zurückkehrt und im Hause seines Freundes zu Gast ist, wirkt er wie ein unheimlicher Fremder, wie ein Magier. Und tatsächlich: Im Gepäck hat er eine Art „Zaubergeige“, mit der er nun allerhand wilde Phantasien des Mädchens anregt, welche aber – ganz der Romantik entsprechend – nur in geheimnisvollen Träumen und schlafwandlerischen Motiven ausgelebt werden.
Wenn man für einen solchen Abend eine fernsehbekannte Schauspielerin engagiert, mag das in manchen Fällen problematisch sein. Stimme und Gesicht verhindern gelegentlich, dass man sich ganz auf die Situation einlässt. Mit Gudrun Landgrebe aber hatte man eine Persönlichkeit gewonnen, deren Erzählweise alle Stimmungsnuancen behutsam transportierte, die aber trotzdem als Person hinter allem zurücktreten konnte: So wurden nicht nur die Phantasien der handelnden Personen, sondern auch die des Publikums angeregt. Eine Szenerie also, die ohne Bilder auskam, weil sie selbst welche schuf.
Hinzu kam, dass die Musik ebenfalls die Geige in den Mittelpunkt stellte, interpretiert vom großartigen Duo Ulf Schneider (Violine) und Stephan Imorde (Klavier). Die schwärmerische, heißblütige und melancholische Fauré-Sonate eröffnet den Abend, in dem nicht minder aufgewühlten „Poème“ von Chausson klangen die Ereignisse nach, bis die sinnierende Geige in zarten Trillerfiguren zum Ende hinabgleitet. Dazwischen liegen die kurzweiligen Salonstücke von Pauline Viardot, die „Six morceaux“ für Violine und Klavier: keck, feurig, liebenswert-innig tragen sie die Spannung über die jeweiligen Erzählabschnitte; hinreißend gespielt auch die „Romance“ von Paul Viardot (Paulines Sohn): Hier wird bildhaft eine geheimnisvolle Nachtstimmung heraufbeschworen, hier fließen die Töne wie zartes Mondlicht.
Ein Programm, bei dem wirklich alles passte. (Foto: Marcus Gernsbeck)