29.01.09
Von der Leichtigkeit des Doppelbödigen
Wernickes Salzburger "Rosenkavalier" bei den Winterfestspielen in Baden-Baden


„Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding“, sinniert die Feldmarschallin: „Wenn man so hinlebt, ist sie rein gar nichts, aber dann auf einmal, da spürt man nichts als sie.“ Sätze einer Frau, die übers Älterwerden nachdenkt und sich kopfüber in eine Affäre mit einem jungen Liebhaber stürzt, weil ihr Ehemann seine Zeit lieber auf der Jagd als mit ihr verbringt – wohl wissend allerdings, dass die Leidenschaft zwischen ihr und dem jungen Octavian nicht von Dauer sein kann. Demgegenüber steht hingegen der grobschlächtige, alternde Baron Ochs von Lerchenau: Bei ihm ist der Titel nichts als Schall und Rauch (dieser Eindruck wird verstärkt durch falsche Haarteile), und dann schickt er sich auch noch an, die blutjunge Tochter des neureichen Herrn von Faninal zu heiraten.
Das ist der Zuschnitt für eine Komödie mit tragischen Zügen, für die viel zitierte „doppelbödige Leichtigkeit“ bei Richard Strauss.

Rosenkavalier Baden-Baden, Renee Fleming und Sophie KochDie Zeit, der doppelte Boden
und die sich daraus ergebenden Illusionen und Brechungen – all das wird auf eine klare, unspektakuläre Art und Weise eingefangen in der Salzburger Inszenierung von Herbert Wernicke aus dem Jahr 1995, die Alejandro Stadler nun für die Winterfestspiele in Baden-Ba-
den neu belebte. Eine Telaribühne (eingerichtet von Michael Veits) stattet den Raum mit verschiebbaren Prospekten aus, die nicht nur den Prunk
des kaiserlichen Wiens, sondern stets auch sich selbst spiegeln und somit Trugbilder schaffen, dazu gleichzeitig ein Spiel mit Figuren zeichnen, die (so formulierte es Hugo von Hofmannsthal) alle möglichen Kombinationen eingehen können. Hier vermischen sich die Stände; dementsprechend lebhaft und volksnah geht es im ersten und dritten Akt zu, wo Tierhändler, Sänger, Waisen und Kinder durcheinander schreien.

Rosenkavalier, Diana Damrau und Sophie KochDie Nebenfiguren bedeuten so-
mit nicht mehr und nicht weni-
ger als ein Aufmischen der Szene, weil man sich im Ausdeuten eben nur auf wenige Elemente konzentriert.
Dazu gehörte auch die glasklare Lesart von Christian Thielemann, dessen Münchner Philhar-
moniker ein mit Spannung erwartetes Operndebüt bestritten: Die Ouvertüre fegt vielsagend herein (wie im Liebesrausch), die Streicher umspielen neckisch die Bläser, die Überreichung der silbernen Rose hat gebündelte Leuchtkraft. Und während Sophie, der blutjunge Society-Neuling, auf dem gesellschaftlichen Parkett wie ein Spielball herumgeschubst wird, spitzt sich die Musik komödiantisch zu, das jedoch alles wohldosiert und zur rechten Zeit – und vor allem mit der Umsicht, lieber schnörkellos zu agieren, als die Szenerie möglicherweise unnötig zu überfrachten, und das ist durchaus klug, denn das Wesentliche in der Musik spielt sich in dieser Oper im Orchestergraben ab.
In den kleinen Rollen schwelgte man im Luxus: Da wäre zum Beispiel Jonas Kaufmann, den man gerne als deutsche Antwort auf Stars wie etwa Rolando Villazon bezeichnet. Oder etwa die charakterstarke Jane Henschel als Intrigantin Annina, und Franz Grundheber, der die Figur des Herrn von Faninal so überzeichnet, dass auch hier eine gewisse Tragik sichtbar wird. Abgerundet wird das das Ganze vom Philharmonia Chor Wien (Walter Zeh) und dem Theaterkinderchor am Karlsruher Helmholtz-Gymnasium (Waltraud Kutz).

Rosenkavalier, Renee Fleming, Sophie Koch und Franz HawlataMarkant und deftig in der Krachledernen ist Franz Hawlata
als Baron Ochs von Lerchenau: Protzig und derb (stimmlich wie darstellerisch) ist die Figur als eine einzige (Adels-)Posse angelegt.
Das Gegengewicht hierzu bilden Diana Damrau (Sophie) und Sophie Koch (Octavian), deren Auftritte zu den Höhepunkten der Aufführung zählen: Diana Damrau überzieht die Rosenübergabe dank ihrer akkurat sitzenden Stimme mit einem feinsilbrigen Schimmer, und daran ändert sich bis zum Schlussterzett nichts. Sophie Koch spielt einerseits den neugierigen, unerfahrenen Jungen und offenbart in ihrem stählernen Timbre dann den jugendlichen Helden – eine äußerst reizvolle Mischung.

Nur Renée Fleming (Marschallin) weiß man nicht so richtig einzuordnen. Einerseits besticht die Amerkanerin durch ihren lyrischen, warm grundierten Schmelz und ihre dazu passende, jugendlich-mädchenhafte Aura. Andererseits verhindert aber gerade das die gewissen Abgründe, das „Doppelbödige“ eben. Und ihren Parlando-Passagen weiß sie mit ihrem Timbre keinen wirklichen Stempel aufzudrücken; hier verliert sich der Klang, wird oft vom Orchester überdeckt.

Dennoch: Eine Aufführung mit besonderen Glanzlichtern, die dementsprechend gefeiert wurde.
(Fotos: Andrea Kremper)



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