03.02.09
Wie auf einem Pulverfass
"Quatuor Ysaÿe" im Festspielhaus mit energiegeladener Matinee


Musik, die sich nicht aus einem vordergründigen Gedanken, sondern allein durch die Kraft der Tiefenwirkung entfaltet: Ein Meisterwerk ist Beethovens Streichquartett Nr. 15 a-moll (op. 132), und dank der Interpretation durch das Quatuor Ysaÿe - benannt nach dem Geiger und Komponisten Eugène Ysaÿe - dürfte die Festspielhaus-Matinee zu den Höhepunkten der diesjährigen Winterfestspiele gezählt haben.
Was Guillaume Sutre und Luc-Marie Aguera (Violinen), Miguel da Silva (Viola) und Yovan Markovitch (Violoncello) an Energien freisetzen, ist außergewöhnlich. Es ist, als säße man die ganze Zeit über auf einem Pulverfass - selbst im entrücktesten Pianissimo.

Quatuor IsayeDas Beethoven-Quartett baut sich aus der Tiefe auf; man
spürt sofort die Vielschichtig-
keit, die Oberflächenspannung.
Alles wird hier gegeneinander bewegt, der Schwung der ersten Geige setzt sich fort durch alle Stimmen. Manchmal spielt
sich das wesentliche in den Unterstimmen ab, die anderen scheinen nur sanft darüber hinweg zu gleiten. Und dann
gibt es plötzlich dramatische Zuspitzungen und sanfte Auflösungen, doch das eigentliche Kraftzentrum ist der dritte Satz – von Beethoven als „heiliger Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit“ angelegt, weil eine Krankheit seine Arbeit verzögerte. Das „Molto Adagio“ steht in der lydischen Kirchentonart, und gerade das macht diese besondere, sakrale Wirkung aus: Eine unendliche Ruhe liegt über dem Satz, eine starke meditative Wirkung, die sich sogar in ihrem schwebenden Charakter noch auf einen Höhepunkt zu bewegt: Zunächst hin zum aufblühenden Andante, überschrieben mit „Neue Kraft fühlend“, aber vor allem auch hin zum Schlusschoral, der diese unendliche Ruhe nun zu einem Ziel führt. Die sekundenlange Stille und die Reaktionen nach diesem Satz zeigen, wie überwältigt das Publikum ist. Der aufgeriebene, entfesselte Schluss bringt schließlich dem Ganzen nochmals neue Energien.

All das wird vorbereitet durch Mozarts Streichquartett Nr. 15 d-moll (KV 421): Auch hier herrscht eine unterschwellige Spannung, die den heiteren Gedanken im Menuett letztlich etwas Flüchtiges gibt. Immer wieder bringt man diese Wirkung mit den Umständen in Verbindung, unter denen Mozart das Quartett angeblich komponierte: mit der Geburt seines ersten Kindes und den damit verbundenen Leiden seiner Frau Constanze - gerade weil diese Qualen und Ängste so eindeutig in Musik umgesetzt scheinen. Und in der Tat sorgt auch hier das Quatuor Ysaÿe für manche Erschütterung: Etwa in den dissonanten Passagen, die scharf gegeneinander gezogen werden, in den Abschattierungen im Menuettsatz, der die ganze Brüchigkeit entlarvt und eben damit die Wirkung der grazilen Violinfigur in Frage stellt. Oder in einem Bratschenmotiv im Finale, das die ganze Szenerie aufrüttelt; von da an wird die Musik zum insistierenden Pochen.

Daneben gibt es Momente, die ganz einfach ausnehmend schön musiziert sind: Die erste Geige schwebt wunderbar leicht zu Beginn des Kopfsatzes ein, das Andante ist ein Rückzug ins Innere. Die vier spielen geschmeidig, eloquent und stets dicht nach vorne; man weiß sofort, dass es hier immer Raum für noch größere Entwicklungen gibt.

Danach spürt das Publikum: Das war große Musik von großen Interpreten. Das Quatuor Ysaÿe bedankt sich für den begeisterten Applaus mit dem „Lento assai“ aus Beethovens letztem Streichquartett (F-Dur op. 135) und greift damit auch die Atmosphäre des „Dankgesangs“ nochmals auf.
(Foto: Gérard Rondeau; Artikel erschienen am 02.02. im Badischen Tagblatt; www.badisches-tagblatt.de)



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