03.02.09
Zauberhafter Elfenspuk
"Sommernachtstraum" als Ballett am Badischen Staatstheater Karlsruhe


Heute vor 200 Jahren wurde Felix Mendelssohn Bartholdy in Hamburg geboren, und allmählich mehren sich die Gedenkveranstaltungen. Das Badische Staatstheater widmet sich Mendelssohns umfassendem Werk in der ersten Ballett-Inszenierung des Jahres: Originellerweise gibt es gerade in dieser Sparte den „Sommernachtstraum“, ein Handlungsballett nach Shakespeares Komödie, mit Mendelssohns Schauspielmusik als musikalischem Ausgangspunkt.

Sommernachtstraum am Badischen StaatstheaterDamit ist dem Choreographen Youri Vàmos ein rundum unterhaltsames Stück gelungen, das noch dazu ansprechend in Szene gesetzt ist. Der Ballett-Chef der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf hat sich vor allem mit Neufassungen klassischer Werke einen Na-
men gemacht, und er nimmt dabei ebenso den klassischen Tanz als Fundament.

Shakespeares heiteres Verwirrspiel in Sachen Liebe und Erotik bietet reichlich Stoff für einen amüsanten Bilderbogen – und Vàmos lässt diesen in keiner Episode ungenutzt: Es beginnt damit, dass die Gestalt des Kobolds Puck auf zwei Figuren verteilt ist und Puck noch einen Gefährten zur Seite hat, sodass sie zu zweit (und miteinander) ihren Schabernack treiben können – und dies vor der märchenhaften Kulisse eines nächtlichen Zauberwaldes, über dem die Sterne ebenso flimmern und die bewegten Büsche ebenso rascheln und raunen wie die tonmalerischen Geister in Mendelssohns bebender Ouvertüre.

Man treibt erotische Spielchen, tauscht die Kleider, die hin und wieder in die magischen Büsche hineingezogen werden: So manche Hexe, so mancher Kobold steht anschließend schamvoll entblößt auf der Bühne. Auf diese Weise wird mit einfachen Mitteln große Wirkung erzielt, solche Kleinigkeiten mischen die Szene auf, auch wenn die Handlung gerade nicht fortschreitet.

Während das Nachtblau und das Dunkelgrün des Waldes in warmes Tageslicht übergehen, wird die Elfenkönigin Titania verhext und der Handwerker Zettel in einen Esel verwandelt: Die Szene dieses ungleichen Liebespaares gehört zu den Höhepunkten; Titania-Darstellerin Xue Dong beigeistert nicht nur hier mit technischer Perfektion und größter Ausstrahlung. Wunderbar grotesk und ungelenk spielt daneben Marcos Menha seine Esels-Rolle.

Sommernachtstraum am Badischen Staatstheater In buchstäblich zauberhafte Kostüme steckt zudem Mi-
chael Scott die Tänzer, ebenso ansprechend ist die Lichtstimmung (Klaus Gärditz): Beides unterstreicht die Inszenierung vortrefflich. Durchweg auf höchstem Niveau agiert die Compagnie: Als gewitzte Gesellen ziehen Yuhao Guo und Zhi Le Xu (Puck, Ro-
bin) die Fäden; temporeich und mit viel Komik verkörpern die ver-
zauberten Paare Hermia (Patricia Namba), Lysander (Flavio Salamanka), Helena (Jussara Fonseca) und Demetrius (Diego de Paula) ihr Liebes-Wirrwarr. Tänzerisch anspruchsvoll und darstellerisch ebenfalls bestens gelungen ist auch die Annäherung des Elfenkönigs Oberon (Admill Kuyler) an die Menschenpaare: Oberons Gesten setzen sich kraftvoll ab gegen die vollkommene Beweglichkeit der schlafenden Körper. Zum derben Komödienstadl wird schließlich das „Stück im Stück“ der krachledernen Schauspieltruppe um den Handwerker Zettel, nachdem dieser seine normale Gestalt wiedererlangt hat.

Dass sich das alles zu einem runden Ganzen fügt, ist vor allem auch der erstklassigen Musikauswahl zu verdanken: Neben der originalen Bühnenmusik sorgen Mendelssohns Sinfonien und Kammermusik für bruchlose Übergänge, für behutsam ausgeleuchtete Stimmungen. Da wären zum Beispiel sehnsuchtsvolle Kantilenen („Lieder ohne Worte“ op. 109), dazu der Gesang der Elfen (Özgecan Gençer, Sigrun Bornträger und Gesangs-Schülerinnen der Klasse Marta Schmidt am Badischen Konservatorium), welche Titanias Zauberschlaf sanft begleiten; ein Violinmotiv im Quartett für Streicher a-moll op. 13 scheint die Eselsrufe zu imitieren. Brillant gespielt auch das erregte „Presto“ aus dem Oktett op. 20, das den Hexensabbat zum Hexenkessel macht; insgesamt (bis auf einige Irritationen im „Nocturne“) agiert die Badische Staatskapelle unter Daniel Carlberg gestochen scharf, mit gebündelter Energie und ebenso zauberhaften Klangfarben: An dieser Aufführung passt alles, und dementsprechend begeistert reagierte auch das Premierenpublikum.
(Fotos: Jochen Klenk)



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