22.02.09
Theater im Farbenrausch
Umjubelte Premiere von Händels "Radamisto"


Eine Regie, die nicht eigenständiges Konzept sein will, sondern schlicht und einfach den gesungenen Text und die gespielten Noten zur Geltung bringt: Diese Auffassung ist dem modernen Theaterbesucher weitgehend fremd. Aber bei barocken Opern, die zwar insgesamt einer (psychologischen) Entwicklung folgen, deren Leidenschaften aber meist in verworrenen Handlungen freigelegt werden – bei diesen Opern macht im Grunde nichts anderes einen Sinn.

Händel, RadamistoZum Händel-Jahr brachte die belgische Choreografin und Barock-Spezialistin Sigrid T´Hooft im Rah-
men der Festspiele am Badischen Staatstheater eine historisch informierte Inszenierung auf die Bühne, und plötzlich merkt man: Genau für diese Bühnenästhetik schrieb der Opernunternehmer aus Halle seinerzeit seine Musik. Denn plötzlich wird alles schlüssig, plötzlich lösen sich auch verworrene Stränge auf, sie werden klar und geradlinig, weil es eigentlich nur noch um die Affekte geht, die sich in konkreten Momenten an der Musik entzünden.

Hass und Vergebung, Selbstüberschätzung und Selbstlosigkeit: Auch die Oper „Radamisto“ (Händels bedeutende „opera seria“, die nun ihre szenische Uraufführung auf dem Kontinent erlebte) greift alle Register menschlicher Empfindungen ab, und die Regie tut nichts anderes, als diese optisch darzustellen.

Händel, RadamistoGenau das ist der heikle Punkt in einer solchen Inszenierung, denn
hier muss das gesamte Räderwerk
an Mimik, Gestik, Bewegung (dafür
nahm man sogar das originale Soufflierbuch zu Hilfe), einschließlich der Beleuchtung ineinander greifen – und das ist bestens geglückt. Die sorgsam einstudierten Gesten wirken so selbstverständlich, als sei das Sänger-Ensemble – größtenteils Mitglieder des Badischen Staatstheaters -  mit dieser Zeichensprache aufgewachsen. Im Zusammenklang mit der barocken Kulissenbühne (Christian Floeren) und den prächtigen, nach originalen Zeichnungen rekonstruierten Kostümen (Stephan Dietrich) ist diese Inszenierung ein opulentes Gesamtkunstwerk der Sonderklasse, das durch die Tanzeinlagen des Ensembles „Corpo Barocco“ aus Gent (ebenfalls betreut von Sigrid T´Hooft) noch komplettiert wird.

Händel. RadamistoÜberhaupt gibt es auf der Bühne nur geordnete, stets organische Bewegungen: Man positioniert sich zur Auftrittsmusik, die Hofdamen legen letzte Hand an die Schleppe, und in den Solo-Arien stellt man sich zum DaCapo in die Mitte: Das führt der jeweiligen Empfindung erneut Aufmerksamkeit zu. Mag man manchmal auch stöhnen über jene ausgreifenden Wiederholungen - hier geben sie dem Geschehen Energie.

Dieses Geschehen ist reich an dramatischen Gegenpolen: Da verfällt der armenische König Tiridate seiner Schwägerin Zenobia, die eigentlich mit Radamisto glücklich verheiratet ist. Diese Leidenschaft treibt Tiridate zur Tyrannei: Zenobia soll mit Gewalt erobert werden; ihr Schwiegervater Farasmane, König von Thrakien, befindet sich bereits in Gefangenschaft.
Die Verschmähte in dieser Figurenkonstellation heißt Polissena: Sie ist Radamistos Schwester und Tiridates Frau, doch sie hält ihrem skrupellosen Gatten bedingungslos die Treue.
Standhaft bleibt auch Zenobia, die außerdem von Tiridates Bruder Fraarte umworben wird. Und dann ist da noch Tigrane, ein Verbündeter, der jedoch Polissena verehrt: Diese Nebenschauplätze sind wichtig, denn sie sind unter anderem Voraussetzung dafür, dass sich die Gegenspieler schließlich gegen den Tyrannen verbünden – ganz abgesehen davon, dass die Zerstörungswut ohnehin irgendwann ins Leere läuft, sobald es Menschen gibt, die ihr die Stirn bieten können. Am Ende wird der Grausame entmachtet; Radamisto allerdings zeigt sich großmütig und verzichtet auf Rache.

Dieses Lehrstück menschlicher Treue und Heldenhaftigkeit wird von allen Darstellern spielerisch bis in die kleinste Regung umgesetzt; stimmlich gibt es im Ensemble allerdings einige Leistungsunterschiede: Tamara Gura besingt als Radamisto die zunächst totgeglaubte Zenobia zwar in einer anrührend schönen Arie („Ombra cara“), doch ansonsten verliert sich ihre Stimme oft im Ungefähren, dem Klang fehlt es manchmal an Strahlkraft; Patrick Henckens (Tiridate) kämpft indessen mit der Höhe.
Delphine Galou (Zenobia) setzt mit ihrem substanzreichen Mezzosopran einen Glanzpunkt; die fein geführte, geschmeidige Stimme von Berit Barfred Jensen verkörpert in ihrer unschuldigen Helligkeit glaubwürdig die naive Schwärmerei des Fraarte.
Mit überzeugender Durchschlagskraft agieren auch Mika Kares (Farasmane) und Ina Schlingensiepen (Tigrane), doch herausragend ist  - wie so oft – Kirsten Blaise als Polissena: Ihre Stimme ist raumgreifend trotz gertenschlanker Führung, und ganz gleich, ob sie sich nun in schwindelerregende Koloraturen stürzt oder sich dem vibratoarmen Lamento hingibt: Diese Stimme sitzt einfach immer.

Das feinstichige Klangbild ist nicht zuletzt (dem ebenfalls aus Belgien stammenden) Peter Van Heyghen zu verdanken, der in diesem Jahr die Deutschen Händel-Solisten leitet: Zwei Continuo-Gruppen tragen ein Ensemble, in dem Streicher und Holzbläser nebeneinander agieren und damit den Klang farbig abmischen. Das Ergebnis sind ineinander verschmelzende Linien, die sich behutsam um die Sängerstimmen legen: Theater im Farbenrausch, und ebenso rauschhaft ist hinterher der Beifall.
(Fotos: Jacqueline Burberg-Krause)

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