01.03.09
Trio mit Sogwirkung
"Jess Trio Wien" gastierte im Stephanssaal Karlsruhe


Sie sind nicht zum ersten Mal zu Gast bei den Karlsruher Kammermusikfreunden, und sie begeistern ihr Publikum: Wenn die Geschwister Elisabeth (Violine), Stefan (Violoncello) und Johannes Kropfitsch (Klavier) als „Jess Trio Wien“ das Podium betreten, dann ziehen sie ihre Zuhörer sofort mitten hinein in die Musik.

Jess Trio WienEine Rarität brachten sie diesmal mit in den Stephanssaal: In der Forma-
tion „Klaviertrio“ ist Tschaikowskys Musik ausgesprochen selten im Konzertsaal zu hören; doch das a-moll-Trio op. 50 mit seinen Kantile-
nen und rauschhaften Figuren über-
fällt das Publikum geradezu; man lässt sich bereitwillig mitreißen von dieser Sogwirkung.

Zu Beginn erst einmal eines der „Wiener Trios“ von Mozart (E-Dur KV 542), das deutlich die Nähe zum Klavierkonzert zeigt: Ganz zu Beginn gibt es im Klavierpart zwar leichte Ungenauigkeiten, aber das tut der Musik keinen Abbruch, im Gegenteil: Hier ist der Mittelpunkt des Geschehens, von hier kommen die Impulse; man treibt sich gegenseitig an, fällt in ruhige, lyrische Passagen, in einen leichten Plauderton – immer mit spannungsvollen Gegenpolen: Da beginnt das Klavier im zweiten Satz mit grazilen und scheinbar unbedarften Gesten, aber diese Gesten werden von der Violine gründlich unter die Lupe genommen. Der Sologesang scheint die Musik zu vergrößern, zu steigern, was sich im Finale in einem gegenseitigen Aufpeitschen entlädt. Hier zeigen sich nun die besonderen Ensemble-Qualitäten der Geschwister: Elisabeth und Stefan Kropfitsch agieren fast identisch, sie sind sich gegenseitig Spiegelbild. Beinahe ist es so, als würden Violine und Cello von einer einzigen Person gespielt.

Franz Schuberts „Notturno“ Es-Dur besänftigt die Szenerie und sorgt mit zarten Bewegungen für Ruhe vor dem zweiten Teil des Abends. In diesem Notturno bestechen vor allem die sanften, wellenartigen Figuren im Klavier, dazu der zarte Schimmer, den die Streicher darüber legen.

Und dann stürzt sich das „Jess Trio“ hinein in Tschaikowskys bebende Musik: Zunächst entfaltet sie sich im Cello, über einem bewegten Untergrund im Klavier. Das ist die Keimzelle, von hier aus zieht man sich gegenseitig in schwindelnde Drehimpulse hinein. Man verstrickt sich in immer dichtere Dialoge und unterstreicht diese zusätzlich mit einer impulsiven Körpersprache: Elisabeth und Stefan Kropfitsch gestikulieren beim Spiel, sie werfen Arme und Oberkörper zurück, während sie zum Bogenstrich ansetzen – als würden ihre Instrumente nicht mehr ausreichen, um die explosive Kraft der Musik zu zeigen. Diese kantigen Gesten erklären auch die zwischenzeitlichen Schärfen im Streicherklang; doch plötzlich weicht alle Spannung den gedämpften, innigen Elegien der Violine.

Die Variationen des zweiten Satzes, mit ihren munteren Glöckchen im Diskant und den scherzhaften Gesten, sorgen für rasche Stimmungswechsel vor dem abschließenden Satz - einer weiteren, großen Variation, die in einem einzigen Lauf nach vorne stürmt. Als der Puls plötzlich abfällt und jede Regung fast abrupt endet, da verharren die drei einen Moment lang in Ehrfurcht.
Nun habe man die Erde verlassen, erklärt Johannes Kropfitsch; die ruhig fließende Zugabe (das „Andante“ aus dem Trio op. 12 von Johann Nepomuk Hummel) kann folglich nur noch in sphärische Gefilde führen – und wird passenderweise punktgenau mit den Schlägen der Turmuhr von St. Stephan beendet.


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