16.03.09 Zugespitzte Gegenpole Künstlerportrait des Pianisten, Komponisten und Dirigenten Olli Mustonen
Von Christine Gehringer
Der finnische Pianist Olli Mustonen ist ein höchst eigenwilliger Künstler, und seine Kunst drängt ihn ganz offensichtlich in sämtliche Sparten der Musik: Auch als Komponist, Dirigent und Kammermusiker tritt der 42jährige in Erscheinung; folgerichtig widmete ihm das Festspielhaus deshalb gleich ein ganzes Portrait in drei Abenden.
Doch diese Vielseitigkeit ist nicht unproblematisch. So beglückend die Harmonie zwischen Olli Mustonen und dem Cellisten Daniel Müller-Schott am zweiten Abend dieses Künstlerportraits auch war, so einseitig gerieten dem Pianisten Bach, Beethoven und Mozart in seinen Solo-Auftritten.
Mustonens Klarheit und Zugespitztheit in manchem Figurenwerk ist bemerkenswert, und es ist bedauerlich, dass er diese Qualitäten nicht innerhalb eines runden, sorgsam aufgebauten und klanglich differenzierten Legatos einsetzt.
Stattdessen überzeichnet er seine Direktheit, als gelte es, die gesamte Energie in einzelne Noten hineinzuzwingen. Mit diesen Klang-Destillaten jedoch köpft er einzelne Phrasen, durchschneidet er Bachs lineare Musik bis hin zur Kurzatmigkeit (Mustonen spielte in seinem Solo-Rezital die Partita Nr. 1 B-Dur) - dort hingegen, wo er abschattiert, umhüllt er sein Spiel oft mit einem wattig-nebulösen Klang, der etliche Töne irgendwo im Nirwana verschwinden lässt.
Zwischen diesen Gegenpolen gibt es nichts, und so gerieten ihm Beethovens „Große Sonate für das Hammerklavier“ op. 106 und Mozarts c-moll-Konzert (gemeinsam mit dem aufgeweckt agierenden Kammerorchester "Tapiola Sinfonietta", das Mustonen seit einigen Jahren leitet) ausgesprochen holzschnittartig.
Zu einheitlich ist das „Adagio“ bei Beethoven, wo wechselvolle Schichten sich eigentlich überlagern und die Musik ständig in neues Licht tauchen; zu undifferenziert auch anschließend die Fuge im Finalsatz - zumal die Extreme im Anschlag auch noch auf Kosten eines oberton-
reichen Klanges gehen.
Was musikalisch dermaßen abgeflacht wird, das sucht Mustonen in Mozarts c-moll-Konzert offensichtlich durch große Gesten und imposante Ausholbewegungen in den einzelnen Phrasen zu kompensieren; gleichzeitig rauscht ihm während seines Dirigats die Musik manchmal derart wuchtig durch den Körper, dass man glaubt, die explosive Leidenschaft könne ihn jeden Moment vom Pult reißen: Das Publikum zumindest (an allen Abenden war das Festspielhaus überraschenderweise spärlich besetzt) ließ sich von dieser geballten Energie gerne anstecken – ebenso von Prokofjews launig dargebotenen „Klassischen Sinfonie“, die den Schlusspunkt unter die drei Abende setzte.
Dieses Künstler-Portrait brachte aber dankenswerterweise auch die Werke des hierzulande völlig unbekannten russischen Komponisten Rodion Shchedrin an die Oos: Auszüge aus den „24 Präludien und Fugen“ – eine Art „Wohltemperiertes Klavier“ auf Russisch. Hier kommt Mustonen die rhythmisierende Klarheit seines Spiels zu Gute: Diese Fugen werden von scharf geschnittenen, insistierenden Linien durchzogen, die sich markant aus der Gesamtheit herauslösen und sich gelegentlich im Diskant festbeißen; ebenso zwingend und kompromisslos spielt er drei der Sechs Stücke op. 52 von Sergej Prokofjew.
Rodion Shchedrin ist ein experimentierfreudiger Komponist: Auch er bewegt sich in sämtlichen Sparten - zwischen Volksliedtradition, Jazz, Avantgarde. In Sachen Vielseitigkeit scheint es Verbindungen zwischen ihm und Mustonen zu geben – und zudem direkte Berührungspunkte, denn Shchedrins 5. Klavierkonzert ist dem Pianisten gewidmet. Mustonen selbst scheint sich in seinen eigenen Werken an den leuchtenden Orchesterfarben des Russen zu orientieren (die Musik beider Komponisten bewegt sich in konventionellen harmonischen Mustern): An nordische Mythen erinnert „Jehkin livana“ (in der Orchesterfassung erstmals in Deutschland aufgeführt); das Werk kreist zwar in minimalistischer Weise um kleinste Motiv-Keimzellen und ist im Ganzen unspektakulär, aber dieser luftige, manchmal flächige Klang, der sich durch alle Instrumentengruppen bewegt – dieser Klang hellt das Werk auf. Und daneben scheint sich Shchedrins Musik für Streicher, Oboen, Hörner und Celesta völlig von allem Irdischen gelöst zu haben: Beinahe nur noch schimmerndes Licht, sich ausbreitende, nach oben schraubende Klänge.
Bleibt nur noch das bereits erwähnte Zwiegespräch zwischen Mustonen und Müller-Schott, der wahre Höhepunkt in diesem Portrait. Zwar gibt es auch in Beethovens A-Dur-Sonate op. 69 wieder diesen pointierten, direkten Zugriff – aber nun als Impuls, den beide gleichzeitig empfinden, als ein bewusst gesetzter Spannungshöhepunkt. Darüber hinaus sind die Rollen klar verteilt: Daniel Müller-Schott mit feinsinnigem Cello-Gesang bis zum schimmernden Flageolett, Mustonen dazu mit dem festen Rahmen, der aber ebenso formbar, durchlässig und anpassungsfähig ist (betörend: die Cello-Sonate op. 97 von Rodion Shchedrin, die er Rostropowitsch gewidmet hat).
An diesem Abend geschieht gewissermaßen ein kleines Wunder - hier hört man auch bei Olli Mustonen Gedanken, die sich langsam und sorgfältig ausbreiten (auch in Prokofjews C-Dur-Sonate op. 119 und in später in seiner eigenen); hier kommen plötzlich doch noch ungeahnte Schattierungen und sangliche Qualitäten zum Ausdruck. (Foto: Andrea Kremper)
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