23.03.09 Klavier-Akrobat füllt Festspielhaus Lang Lang zeigte in Baden-Baden einmal mehr seine virtuosen Qualitäten
Der chinesische Pianist Lang Lang ist zweifellos ein Phänomen: Nicht nur, weil er mühelos die größten Konzertsäle füllt und daneben auch noch sämtliche Nischen bedient – nein, seine pianistischen Möglichkeiten (zumindest seine technisch-virtuosen) sind bemerkenswert, und bemerkenswert ist auch seine Gabe, sich zu verkaufen.
Das gelang ihm auch bei seinem Auftritt im Festspielhaus bestens - doch das Repertoire bleibt begrenzt, wenn man den Schwerpunkt in erster Linie auf solche Äußerlichkeiten legt.
Gewagt ist es deshalb, ausgerechnet Schubert an den Anfang zu setzen – denn hier muss jeder Musiker buchstäblich Farbe bekennen; hinter der bisweilen so schlichten liedhaften Gestalt Schubertscher Musik verbirgt sich bekanntlich Großes. Das Herzstück in der Sonate A-Dur (D 959) ist das „Andantino“, diese einfache Melodie berührt direkt – aber sie trägt den An-
strich von Trauer, von Mattigkeit:
Es ist eine Fassade, hinter der am Ende düstere Leidenschaften lauern.
Bei Lang Lang klingt dieses Werk allerdings wie ein Aufwärmstück, und möglicherweise sieht er es auch so. Mit seinen immer gleichen Kontrasten (von groß anschwellend bis zart abschattiert), erreicht er zwar eine gewisse Wirkung, aber nicht die Tiefen des Werks: Sein „Andantino“ ist im Wesentlichen verträumte Melancholie, mit einigen eher halbherzigen Ausbrüchen; und dass über den letzten Satz ein brodelndes Gewitter hereinbricht, ist trotz auffahrender Gesten nicht zu hören: Es fehlt das Zwingende, das Aufrüttelnde.
Erst danach - so scheint es - beginnt für Lang Lang der Abend richtig. Denn nun folgt gewissermaßen der Showteil; mit einer perfekten Mischung aus Virtuosität und Akrobatik, und da ist es nur konsequent, dass er Bartoks Sonate (Sz 80) ins Programm nimmt: Denn dieses Stück ist nicht nur technisch höchst anspruchsvoll, sondern an dem hämmernden Kopfsatz kann sich Lang Lang aufreiben und aufbäumen, und das kostet er voll aus: Diese zwanghafte Energie, das maschinenhafte Pochen wirkt noch bedrohlicher, wenn er die Bewegungen mit Stampfen unterstreicht und nach dem letzten Ton im Finalsatz den Oberkörper so abrupt nach hinten fallen lässt, dass man glaubt, er kippe vom Hocker.
Doch es gibt auch ruhige Strecken in diesem Programm, fast möchte man sagen: verinnerlichte Momente. Seine technischen Fähigkeiten kann Lang Lang ebenso in den „Préludes“ von Débussy ausspielen; diese leicht hingeworfenen Miniaturbilder, diese Momentaufnahmen, die an bewegten Figuren und Lichteffekten ihre Wirkung entfalten, kommen seinem Spiel sogar sehr zu Gute. Hier geht es nicht um große Entwicklungen, hier geht es um Farbspiele, um kurze Eindrücke – und solche Eindrücke schafft Lang Lang mit zart verhuschten Motiven, mit feinstichigen Läufen, mit Farbtupfern im Diskant. Aber auch diese inszeniert er gelegentlich ganz bewusst; dann beugt er sich demonstrativ über das Klavier, lässt die rechte Hand am Hocker, während er mit linken den entscheidenden Ton setzt.
Ein solcher Abend muss zu einem glorreichen Abschluss gebracht werden. Hier eignet sich Chopins As-Dur-Polonaise op. 53 - wegen ihrer Bekanntheit zudem ein typischer „Rausschmeißer“: Nochmals also donnernde Akkordschläge, ein entfesseltes (und im Übrigen brillant gespieltes) Bass-Ostinato, dazu triumphierende (Trompeten-)Signale - und das Ganze über einem großangelegten Crescendo. Beeindruckend war diese Vorstellung zweifellos – und erwartungsgemäß gibt es Ovationen, danach noch ein „Schlager“: Chopins populäre E-Dur-Etüde op. 10 („In mir klingt ein Lied“), gewissermaßen zum Mitsingen für den Heimweg. (Foto: Andrea Kremper)