24.03.09
Betörender Spannungszug, reizvolle Dialoge
Das Tammuz-Klavierquartett mit kammermusikalischer Rarität in Bruchsal


Der Name „Tammuz“, der die Musiker Daniel Gaede (Violine), Lars-Andersen Tomter (Viola), Gustav Rivinius (Violoncello) und Oliver Triendl (Klavier) zu einem Klavierquartett vereint, geht zurück auf den babylonisch-assyrischen Mythenkreis: Tammuz war der Geliebte der Göttin Ischtar und entspricht dem griechischen Adonis. Bei diesem Inbegriff der Liebe, mutmaßte SWR-Redakteurin Marlene Weber-Schäfer, müsse „Tammuz“ wohl für die Liebe der vier Instrumentalisten zur Musik stehen – zumal sich die vier über die Bedeutung nicht so recht im Klaren schienen, da ihnen der Name von ihrer Agentur verpasst wurde.

Tammuz KlavierquartettEine solche Überlegung passt freilich immer – aber beim Tammuz Quartett ist es nicht einfach nur die Liebe zur Musik, sondern schlicht lodernde Ekstase. Für diesen Eindruck sorgte vor allem eine kammermusikalische Rarität (ohnehin ist das Klavierquartett eine seltene Gattung): Eindrucksvoll ist das Quartett Nr. 1 op. 16 des Rumänen George Enescu, vielleicht dem letzten wirklichen Universalgenie - denn Enescu trat als Komponist ebenso in Erscheinung wie als Geiger, Pianist, Dirigent, Pädagoge und Musikschriftsteller.

Dieses Werk ist der emotionale Höhepunkt in diesem Konzert; eine Ahnung vom leidenschaftlichen Spiel der vier bekommt man aber schon in Beethovens Es-Dur-Quartett op. 16 (bekannter als Quintett für Klavier und Bläser). Das Klavier ist hier ein wichtiger Impulsgeber; von hier aus werden die Fäden gezogen: Aus den rhythmischen, perlenden oder zaghaft suchenden Figuren löst sich die Antwort des Streichtrios heraus; hier profiliert sich Oliver Triendl bereits mit seinen Führungsqualitäten, mit seinem gerundeten Klang, seiner Flexibilität.

Dann folgt ein einziger Spannungszug, der das Publikum in einen Strudel voll dramatischen Aufwallungen hineinzieht: Manchmal sitzt man wie erschlagen von der brodelnden Energie des Enescu-Quartetts, diesem wilden Kreisen, diesem Sich-Emporschrauben in schimmernde Höhen oder einen manchmal gar grellen Klang. Das Werk ist stilistisch kaum einzuordnen; man hört impressionistische Farben genauso wie spätromantische Emphase. Gelegentlich lichtet sich die Musik, dann scheint ein wenig Kaffeehaus-Charme oder jazzige Klangerotik durch – aber immer als Ahnung, die unter einem einzigen runden Bogen verschwindet, und nicht als bunter, zusammenhangloser Flickenteppich. Das Werk erhält seinen Reiz und seine Spannung aus dem ständigen Changieren und Oszillieren zwischen Tonarten und Anmutungen; so, als breche sich an dieser Musik das Licht immer wieder neu. Im Andante-Satz fällt die singende Linie des Cellos in einen betörenden, stehenden Moll-Klang hinein; gegen Ende spitzt sich das Werk in motorischen Bewegungen so bedrohlich zu, dass das Ende wie ein Aufschrei klingt: Die Musiker haben sich selbst und das Publikum in einen gut vierzigminütigen Rausch gespielt.

Dvoraks Klavierquartett Nr. 2 op. 87 ist streckenweise ähnlich kernig und markant, ähnlich feurig und entfesselnd – was auch daran liegt, dass sich Klavier und Streicher immer wieder herausfordernd gegenüberstehen. Dass sich die beiden Pole nie ganz miteinander verbinden, schafft den Reiz des ständigen Sich-Annäherns; es schafft Dialoge, die immer ihre Spannung behalten, weil sie sich nie erschöpfen: Ob in zarten klanglichen Umhüllungen, in insistierenden Fragen oder in weiterführenden Gedanken – ob im orientalisch-tänzerischen Tonfall oder im lyrischen Gesang.

Danach spürt das begeisterte Publikum, dass der Abend noch nicht zu Ende ist: Ruhe und endgültige Befriedigung bringt schließlich das Intermezzo aus dem f-moll-Quartett des Jubilars Felix Mendelssohn Bartholdy.


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