30.03.09
Kampf mit der Leidenschaft vor morbider Kulisse
Brittens Oper "Der Tod in Venedig" am Badischen Staatstheater/ umjubelte Premiere


Ein Drama zwischen den Gegenpolen "geistige Schönheit" und "körperliche Leidenschaft", und darin ein Künstler, der sich zwischen beiden Polen aufreibt. Benjamin Brittens Oper "Der Tod in Venedig" (auf der Grundlage der Novelle von Thomas Mann) steht selten auf Deutschlands Spielplänen; nun brachte das Badische Staatstheater dieses Werk auf die Bühne.


Badisches Staatstheater, Der Tod in Venedig
Hinter den Glasscheiben seines Arbeitsraums ringt der Dichter Gustav von Aschenbach nach Worten. Diese Worte kommen staccatoartig, forciert: Er befindet sich in einer schöpferischen Krise, weil er zwar Werke für die Ewigkeit geschaffen, sich dabei aber zu lan-
ge dem wahren Leben fern gehal-
ten hat. Auch die selbst auferlegte Arbeitsdisziplin kann hier nichts mehr ausrichten.
Dass dieses graue, quaderförmige Zimmer eigentlich ein Käfig, also „tote“ Ausstellungsfläche ist, merkt man erst, als auf der anderen Seite eine Trauergesellschaft vorbeizieht: Das ist nur ein Beispiel für die Raffinessen in Georg Köhls überaus gelungener Inszenierung des „Tod in Venedig“ – der letzten Oper von Benjamin Britten, die in den Siebziger Jahren von der Popularität des Visconti-Films zehrte, dann aber von den Spielplänen weitgehend wieder verschwand.

Diese Oper wird auch „Concerto for Tenor and Opera“ genannt, und der Titel umschreibt ein Strukturproblem: Es ist ein einziges Tenor-Rezitativ, ein Monolog, der den musikalischen Fluss eigentlich zurückdrängt. Die Selbstreflexion eines nüchternen, vergeistigten Menschen steht damit im Vordergrund.

Badisches Staatstheater, Der Tod in VenedigAlles gerinnt hier zur Form. Somit bleibt die Umgebung kontrollierbar, was obendrein den begrenzten Blickwinkel des Erzählers andeutet: Florian Etti (Bühne und Kostüme) gestaltet selbst das überbordende venezianische Leben aus nüchternen Quadern; die hellen Stadtansichten hingegen, das sonnige Postkartenidyll – all das wird auf kleine Würfel gebannt, denn Genuss, Leidenschaft und alle anderen niederen Triebe müssen streng in Schach gehalten werden; am Ende schafft erst der Tod eine befreiende Perspektive.

Aschenbach hat seiner plötzlichen Reiselust nachgegeben - und somit ist klar, dass er seine Triebe nicht lange wird unterdrücken können. Sein Interesse an dem schönen Knaben Tadzio legt er sich anfangs noch als Sinn für Ästhetik zurecht, bis das Begehren durchschlägt und er erkennt, dass sein Schönheitssinn nichts anderes ist als eine lächerliche Verliebtheit: In einer choleraverseuchten Stadt mit ihren auf einmal bedrohlichen, hohlwangigen Gestalten bedeutet das den sicheren Tod. Als fatal erweist es sich aber demnach auch, die Regungen auf der körperlichen Ebene so lange auszuklammern, weil sie nun ins Extrem absinken.

An dieser Nahtstelle arbeitet die Regie sinnfällig mit dem Ballettensemble (Choreographie: Nick Hobbs) zusammen: Dem Dichter Aschenbach wird in der Karlsruher Inszenierung ein Tänzer (Arman Aslizadyan) zur Seite gestellt, dessen Windungen und sehnsüchtige Gesten die unterdrückten Begierden zum Ausdruck bringen. Auch die Figur des polnischen Jungen Tadzio (Bram Koch) ist eine getanzte, also eine „stumme“ Rolle – und sie zeigt, dass dieser Junge vor allem als Projektionsfläche dient: Hier wird Aschenbachs Monolog regelmäßig unterbrochen von weichen Gamelanklängen, die aus dem balinesischen Kulturkreis stammen und rituelle Handlungen begleiten.

Badisches Staatstheater, der Tod in VenedigAuch musikalisch ist diese Auf-
führung rundum geglückt: Darstellerisch und stimmlich he-
rausragend führt Bernhard Berchtold das Publikum in die psychischen Abgründe des Protagonisten, der ständig dem Tod ins Auge blickt: Chamäleonartig schlüpft Simon Schnorr in die Rollen des alternden Gecken, verkörpert den dyonisischen Rausch, den Todesgott. Der Chor (Einstudierung: Myoung-Uh Ryu/ Carl Robert Helg) profiliert sich daneben als Ensemble guter Solisten, die als Hotelgäste oder Straßenverkäufer die Szenen aufmischen; eine größere Rolle fällt dem Angestellten eines Reisebüros (Tibor Brouwer) zu: Schaurig ist der Moment, in dem er Aschenbach vor der um sich greifenden Krankheit warnt.
Als erhöhter Gegenpol thront Apollo (mit sicherem Altus: Matthias Lucht) über den Spielen des Tadzio, und im Orchestergraben schafft Jochem Hochstenbach mit der Badischen Staatskapelle – klangfarblich bereichert durch Klavier und virtuoses Schlagzeug – eine subtile Ausleuchtung des Sprechgesangs.
Großer Jubel nach der Premiere – zu Recht!
(Fotos: Jacqueline Krause-Burberg)



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