20.04.09 Bass-Nebel und funkelnder Diskant Hélène Grimaud und das Kammerorchester des Bayerischen Rundfunks im Festspielhaus Baden-Baden
Völlig unaufdringlich reiht sie sich in das Kammerorchester des Bayerischen Rundfunks - und manchmal sieht man sie gar nicht, so konzentriert beugt sie sich über das Klavier. Beim Konzert im Festspielhaus wirkt die Pianistin Hélène Grimaud, als sei sie ein selbstverständlicher Teil dieses Ensembles; so ernsthaft stellt sie sich in dessen Dienst, so sehr verschmilzt ihr Klang mit dem des Orchesters. Und trotzdem setzt sie unvergleichliche Impulse: besonders beim d-moll-Konzert von Bach (BWV 1052) - eigentlich ein Werk für Cembalo, das jedoch von Pianisten ins Repertoire übernommen wurde.
Hélène Grimauds Spielweise kommt dem ursprünglichen Instrument sehr nahe. Kristallin der Anschlag, pointiert jede
Note – so agiert sie im großen Motiv-Zusammenhang oder in den kleinen Begleitfiguren; Läu-
fe und Repetitionen kom-
men bei ihr mit einer nähmaschinenartigen Genauigkeit. Sie führt den Hauptlinien konzentrierte Ener-
gie zu, ohne die anderen dabei zu vernachlässigen; bei ihr ist alles hörbar bis in die kleinsten Verästelungen, die sie sorgsam abdämpft und dabei aus einem breiten Fundus an Klangfarben und Staccato-Werten schöpft. Hier verbindet sich das Pianissimo des Klaviers perfekt mit den Pizzicati der Streicher, hier kommt die rhythmische Schubkraft aus allen Musikern gleichzeitig.
Diese Transparenz, dieses impulsive Spiel gilt durchgängig - auch dann, wenn das Kammerorchester alleine agiert. Geleitet, ja fast angetrieben wird es von dem Geiger Radoslaw Szulc: Bachs Brandenburgisches Konzert Nr. 3 beginnt in einem atemberaubenden Tempo, man wirft sich gekonnt die Bälle zu – und obendrein hört man auch die Mittelstimmen und tiefen Register in ungewohnter Konturschärfe. Leicht hingeworfene Improvisationen auf der Theorbe (anstelle eines Cembalos) verbinden schließlich die beiden schnellen Sätze.
Nach der Pause dann ein Szenenwechsel. Der ukrainische Komponist Valentin Silvestrow arbeitet mit Rückblenden auf vergangene Stilepochen und legt darüber eine Art Schleier der Erinnerungen: „Der Bote“ für Streicher und Klavier atmet den Geist der Wiener Klassik; leichte und grazile Gedanken werden hingeworfen - doch sie verharren, die Klänge fließen ineinander; es ist, als würde ein Aquarell an den Rändern zerlaufen. Weiterhin verwischen die Konturen durch eine Windmaschine im Hintergrund, die immer dann angetrieben wird, wenn die Themen sich zuspitzen: Diese Windmaschine wirkt jedoch etwas penetrant, sie deckt vieles zu; ohne diesen Effekt könnte das Werk wahrscheinlich eine noch subtilere Wirkung entfalten. Dafür bereichert das Klavier diese Klangfarbenpalette; Hélène Grimaud treibt an oder sinniert, sie fügt dieser nebulösen Atmosphäre noch das Bass-Gemurmel und den funkelnden Diskant, außerdem sinnierende Solo-Passagen hinzu. Ähnlich wirken auch die „Zwei Dialoge mit Nachwort“: Der erste Dialog entwickelt sich über einem Schubert-Zitat (dem „Kuppelwieser-Walzer“), der zweite entlang des „Albumblatts“ von Richard Wagner. Wiederum schaffen liegende Klänge eine verklärende Atmosphäre, die Obertöne beginnen zu oszillieren, das gesamte Werk wirkt wie ein Nachlauschen. Nur kurze, aber wirkungsvolle Einwürfe hat hier das Klavier: Etwa einen mysteriösen Bass-Nebel oder ein Schimmern im Diskant, das in den kaum noch hörbaren Streicher-Flageoletts aufgeht.
In ähnlicher Atmosphäre spielt das Kammerorchester des Bayerischen Rundfunks auch Dvoraks E-Dur-Serenade op. 22: mit einem weich gezeichneten, unendlich dehnbaren Klang, mit Legatobögen, die bis zum letzten ausgekostet werden, mit einem wunderbar schwebenden, in allen Farben changierenden Larghetto – aber auch mit einem vorwitzigen Scherzo und einem leichtfüßigen Finale. Ein großartiger Abend; schade nur, dass sich das Publikum (wie so oft) zu störendem Zwischenapplaus innerhalb der Serenade hinreißen ließ: Das tat dem musikalischen Fluss dann doch einigen Abbruch.
(Fotos: Marcus Gernsbeck; Artikel erschienen am 20. 04. im Badischen Tagblatt, www.badisches-tagblatt.de)