03.05.09
Ordnung verkommt zum Selbstzweck
Zur B-Premiere "Don Carlos" am Badischen Staatstheater


Die Bühne lässt keinen Raum für Illusionen. Man sieht die Notausgänge und einen imposanten Beleuchtungsapparat; man  sieht das gesamte Bühnenhaus: nackt, dunkel, abweisend.

Don Carlos, Badisches Staatstheater KarlsruheDiese Kahlheit in Robert Tannenbaums Inszenierung von Verdis „Don Carlos“ am Badi-
schen Staatstheater mag zunächst überfordern, sie mag sogar ärgern – denn im ersten Moment denkt man eine allzu plakative Umsetzung der mönchischen Strenge am spanischen Königshof zur Regierungszeit Philipps II. Doch nach und nach verbindet man Schonungslosigkeit mit diesem Bühnenraum (Christian Floeren): Die Schonungslosigkeit der spanischen Inquisition, eines Bollwerks, in dessen Gewand sich der Glaube eher als Schreckens- und Gewaltherrschaft denn als Verheißung zeigt.

Im spanischen Weltreich, in dem die Sonne niemals untergeht, herrscht Düsternis – und eine starre Ordnung, die längst Selbstzweck ist; ein Netz aus Gehorsam und Abhängigkeiten. Philipp II. macht sich zum brutalen Verfechter der Gegenreformation, er geht mit Härte gegen die flandrischen Provinzen vor. Die Entschlossenheit, den Katholizismus zu restaurieren und die Herrschaft Spaniens zu festigen, erfasst ihn wie eine fixe Idee, und dieser Idee opfert er alles.

Elisabeth von Valois, seine (im Drama) unglückliche Gattin, die eigentlich dem Infanten Don Carlos versprochen ist, lässt sich gar - welch ein grotesker Widerspruch! - von den „heiligen Flammen der Pflicht“ leiten. Jeder unterwirft sich hier irgendwelchen Strukturen oder einem politischen Kalkül – um schließlich zu erkennen, dass alles im Verlust endet: dem Verlust von Liebe und Heimat, von Erfülltheit, Freiheit, Einfluss.

Don Carlos, Badisches Staatstheater KarlsruheDie Figuren haben etwas Verzweifeltes, teilweise sogar Getriebenes, und wirken dennoch alle seltsam gelähmt. Sie agieren auf einer Tribüne, die von stählernen Ketten gehalten wird, und diese Ketten trennen nicht
nur die Menschen voneinander, sondern sie scheinen auch ihren Handlungsspielraum einzuschränken: Mit diesen Ket-
ten assoziiert man die Marionettenhaftigkeit der Figuren; Ute Frühling steckt sie zudem in meist dunkle, steife, der  Renaissance nachempfundene Kostüme. In diese Dunkelheit flammt schmerzhaft grell ein überdimensioniertes Kreuz.

Der Garten der Königin, der für einen Hauch von Sinnlichkeit in der Inszenierung sorgen könnte, wird konsequenterweise auf Monitore gebannt – und diese Monitore wiederum sind äußeres Zeichen für einen verkabelten Überwachungsstaat, dessen Zentrum die Gemächer des Königs sind: Im vierten Akt, als Philipp sein Los und die Unerfülltheit seiner Ehe beklagt, sitzt er halb entblößt zwischen umgestürzten, toten Bildschirmen und abgerissenen Kabeln. Totaler Zusammenbruch der Kommunikation und des menschlichen Miteinanders - der Preis für verbissene Machtansprüche.
Diese Machtansprüche kommen im Autodafé, jenem spektakulären Schauprozess der Inquisition, in Gestalt von Ideologieträgern der Weltgeschichte daher – auf Großleinwänden blickt man in die Gesichter von Hitler, Stalin, Osama Bin Laden oder Mitglieder des Ku-Klux-Clans; auf der Bühne sind sie fast bis zur Lächerlichkeit (wie Karnevalspuppen) inszeniert. 

Don Carlos, Badisches Staatstheater KarlsruheBild für Bild erschließt sich die Inszenierung; musikalisch bleibt jedoch manches blass. Beispielsweise der erste Auftritt des Infanten Don Carlos im Wald von Fontainebleau (dieser Akt wurde der Modena-Fassung von 1886 hinzugefügt): Die Stimme
von Keith Ikaia-Purdy erreicht nur in der Höhe einen stählernen, obertonreichen Klang; in den mittleren Lagen klingt er hart, manchmal angestrengt, unsauber, und die erste Begegnung mit Elisabeth (in der beide eigentlich ihre Liebe füreinander entdecken) wirkt seltsam distanziert.

Ohnehin bringen in dieser Oper die rührendsten Duette eine Männerfreundschaft zum Ausdruck: die Freundschaft zwischen Don Carlos und dem Marquis von Posa (solide: Walter Donati). Mika Kares (als Philipp II.) zeigt hingegen in seinem Monolog „Ella giammai m´amo“, wie sehr der König innerlich abgestorben ist – und erntet dafür lautstarke Bravos.
Währenddessen stürzt sich die Prinzessin von Eboli selbst in eine leidenschaftliche Verzweiflung; die unkontrollierte Begierde gegenüber Don Carlos bringt sie dazu, eine Intrige anzuzetteln: Zerrissen ist die Figur, die Anna Maria Dur hier verkörpert, und die Sängerin scheint vom Zuschauer-Jubel am Ende selbst überwältigt.
Ein Glücksgriff ist jedoch die Besetzung der Elisabeth: Bei Rosita Kekyte passt einfach alles; stimmlich wie darstellerisch bleibt sie anmutig und edel (einer der Höhepunkte der Oper: ihr Solo „Tu che le vanità“).

Don Carlos, Badisches Staatstheater Karlsruhe Ohne Tadel agiert auch der Rest des Ensembles: Ulrich Schneider als Großinquisitor, daneben Özgeçan Gençer als Page Tebaldo, Lukas Schmid (Mönch), Daniela Köhler (Gräfin von Aremberg), Gideon Poppe (Graf von Lerma), Clara Lim (Stimme vom Himmel), schließlich die sechs Deputierten aus Flandern (Calin-Valentin Cozma, David Hieronimi, Mikko Järviluoto, Peter Maruhn, Jan Polewski, Philipp Schädel) – und nicht zuletzt die Mitglieder des Chores und Extrachores (Einstudierung: Carl-Robert Helg), die das Autodafé tatsächlich zum packenden Spektakel machen.

Justin Brown, seit Beginn dieser Spielzeit Generalmusikdirektor am Badischen Staatstheater, hat mit dieser Produktion sein Premieren-Debüt und entpuppt sich mit der Badischen Staatskapelle als großartiger Verdi-Exeget; er hebt mit Klarheit und Stringenz die Farbakzente und Spannungshöhepunkte hervor (eindrucksvoll das Cello-Solo von Johann Ludwig): Hier, im Orchestergraben, spielt sich eindrucksvoll Terror, Schrecken, Trauer, Ausweglosigkeit ab.
Insgesamt ein weiterer großer Wurf des Badischen Staatstheaters!
(Fotos: Jacqueline Krause-Burberg, die Fotos stammen aus der A-Premiere)



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