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19.05.09
Große Erzählkunst und ein wenig Schauer-Romantik
Ettlinger Schubertiade als Hommage an Friedrich Schiller und Wolfgang Rihm
Die Neigung zum Erzählen schien Franz Schubert in die Wiege gelegt. Seine Balladen sind Frühwerke, und der Wunsch, die verborgenen Bilder, die Geschichten und Gefühle in Töne zu setzen – all das äußerte sich offenbar als Drang; es war der Kern seiner Begabung.
Konsequent also, solche gewaltigen Werke wie den „Taucher“ oder „Die Bürgschaft“ auf ein Programm zu setzen, das unter anderem dem Dichter Friedrich Schiller zu dessen 250. Geburtstag gewidmet ist.
Die „Liederwende 2009“ im Rahmen der Ettlinger Schubertiade rückte auch die Vokalwerke von Wolfgang Rihm in den Mittelpunkt, der ebenfalls Schiller vertont hat, und „Sieben Epigramme“ des in Reutlingen lebenden Karl Michael Komma vervollständigten diese Gegenüberstellung von Tradition und Moderne.
In der Reihe der Interpreten steht für diese erzählerische Kraft von jeher Hans Christoph Begemann (Bariton), der mit Thomas Seyboldt (Klavier) mittlerweile auf 20 Jahre Duo-Erfahrung zurückblickt. Begemanns Wandlungsfähigkeit innerhalb eines einzigen Abends mitzuerleben, ist immer wieder faszinierend: Die dramatischen Rezitative und Klangmalereien des „Tauchers“ standen gleich am Beginn dieses dreistündigen Liederabends; hier hört man das gefährliche, dumpfe Brodeln des Wassers (bildhaft realisiert von Thomas Seyboldt), man sieht die sprühende Gischt. Hans Christoph Begemann gelingt dazu eine reizvolle Mischung aus lyrischem Gesang und packender Deklamation: aufwallend turbulent, zugespitzt und pochend, ergriffen und flehend. Immer trifft er die richtige Farbe; er lebt die Texte wie ein Schauspieler, behält aber dennoch die nötige Distanz, um als Erzähler glaubwürdig zu bleiben – und das Ganze umgibt er mit einer stählernen Kraft, mit opernhafter Dramatik. Umso bemerkenswerter, dass er direkt im Anschluss seine Stimme in den schmalen, feinen Linien der Rihm-Lieder („Vier späte Gedichte von Friedrich Rückert“) führt: Diese strömen meist in einem ruhigen Fluss, spitzen sich in wenigen Momenten ganz konkret zu; sie wirken nebulös und verschleiert in den Klangfarben. Oft hat das Klavier nur zarte, prägnante Motive, und das Ende kommt häufig abrupt, aber es kommt nach einer sorgsam entschleunigten Bewegung. Das letzte dieser Lieder – „Verwelkte Blumen“ – hat überhaupt kein Ende; diese schlichte Melodie klingt vielmehr aus in einem Flimmern, das sich ganz allmählich verliert.
Die Sopranistin Ulrike Sonntag widmet sich Kommas „Sieben Epigrammen“; anschließend den Schubert-Vertonungen „Hoffnung“, „Hektors Abschied“ und einer Strophe aus „Die Götter Griechenlands“. Die Epigramme von Karl Michael Komma sind Gedanken-Destillate, hier spielt sich alles auf engstem Raum ab: Das Unerbittliche, das Drängende, das Schwebende. Ulrike Sonntags leichter, mädchenhafter Sopran kommt diesen wechselvollen Stimmungen – dargestellt meist in unruhigen Intervallsprüngen – sehr entgegen; allerdings neigt sie zu leichten Intonationstrübungen, und zudem wünscht man sich von ihr mehr Präsenz in der Sprache.
Ein weiterer Schwerpunkt des Abends ist Wolfgang Rihms „Das Rot“ - nach sechs Gedichten der Karoline von Günderrode, die aufgrund ihrer klaren Sprache auch „Sappho der Romantik“ genannt wird. Karoline von Günderrode passte so gar nicht in das Frauenideal der Romantik; das „Weiberglücksselige“ lag ihr fern; sie liebte das Kühne, das Wilde, das Große. Verliebt war sie in den (verheirateten) Mythenforscher Georg Friedrich von Creuzer, und ihre Gedichte sind dunkel, schwermütig, todessehnsüchtig.
Eigentlich sieht „Das Rot" eine Tenorstimme vor. Doch Thomas Seyboldt ließ sich – mit Zustimmung des (anwesenden) Komponisten - auf ein gelungenes Experiment ein: Drei junge Sopranistinnen (Constanze Kirsch, Jennifer Riedel und Sophie Sauter), dazu der Tenor Jan Kuschel, interpretierten die Lieder, um der wechselvollen Psychologie gerecht zu werden.
Beeindruckend, wie souverän die jungen Sänger diese langen Bögen, diese Farbschattierungen und dramatischen Steigerungen meisterten; geradezu schauerlich ist beispielsweise „des Knaben Abendgruß“: Hier pocht das Klavier gewaltsam (die Bewegungen erinnern ein wenig an den „Erlkönig“); alles klingt zwielichtig, fiebrig, zerrissen.
Es wirkt, als hätte diese gespenstische Atmosphäre das abendliche Gewitter heraufbeschworen: Gegen Ende des Liedes flackern Blitze in den Raum, bewegt der pfeifende Wind Türen und Fenster; der Rest des Konzerts wird von einem dumpfen Grollen begleitet – grotesk, dass dieses Grollen auch jene Passage in der abschließenden „Bürgschaft“ untermalt, an der das Stück eigentlich innehält, um den “lebendig murmelnden Quell“ herauszuheben.
Ein beeindruckender Abend voller Sprachgewalt, dem die Natur – im besten romantischen Sinn - noch dazu die entsprechende Kulisse lieferte.
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