26.05.09
Musikalischer Genuss, schale Regie
Am Badischen Staatstheater hatte "Ariadne auf Naxos" von Richard Strauss Premiere


Es hätte eine Chance für die Regie sein können: Ein Stück, in dem sich Komödie und ernsthafte Oper (auf Anordnung eines nicht allzu kunstverständigen Mäzens) begegnen, und weil diese Begegnung eben nicht aus sich heraus zu Stande kommt, bietet das Werk reichlich ironischen Zündstoff und die Möglichkeit, beide Gattungen gründlich zu durchleuchten - was Richard Strauss mit seinen grandiosen musikalischen Überzeichnungen in der "Ariadne auf Naxos" auch tut.
Hinzu kommen psychologische Themen wie Verwandlung durch das reale Leben, insbesondere durch die Liebe, weil ein erstarrtes Festhalten an Enttäuschungen der Vergangenheit zum (seelischen) Tod führt.

Doch Generalintendant Achim Thorwald, der diesmal am Badischen Staatstheater selbst Regie führte, lässt diese Chance verstreichen. Stattdessen überdeckt er die Oper stellen-
weise mit seiner Inszenierung: Anstatt einer neuen Ebene fügt
er Überflüssiges hinzu; beispielsweise das zahlungskräftige Bankiers-Ehe-
paar Jourdain (Hannsjörg Schu-
ster und Anne-Kathrin Bartholomäus), das in der Oper eigentlich nicht persönlich auftaucht, sondern nur deshalb erwähnt wird, weil der Librettist Hugo von Hofmannsthal das Werk ursprünglich als Schlusspunkt der Molière-Komödie "Der Bürger als Edelmann" sah, die er selbst bearbeitet hatte. In der Karlsruher Inszenierung bekommt das Paar eine Sprechrolle, und diese beschränkt sich ganz allein darauf, die Aufführung der eigentlichen Oper mit störenden Zwischenrufen zu kommentieren.

Vor einer halbfertigen Kulisse (Bühnenbild: Christian Floeren) entspinnt sich das Vorspiel, welches den hektischen Theater-Alltag mit sämtlichen Star-Allüren und Empfindlichkeiten zeigen soll - aber dieses Vorspiel ist nichts weiter als ein klischeehaftes Theater-Geplänkel; die Ironie schlägt nicht ein, dafür ist Ganze zu brav.
Zerbinetta, die Erfahrene, die Ariadnes "Totenreich" später Leben einhauchen soll, kommt daher wie ein zwitscherndes Dummchen. Dass sich hinter diesem Lebenshunger eine mädchenhafte Neugierde verbirgt und dass die zahlreichen Affären sie im Grunde einsam machen - diese durchaus ernste Seite ihres Charakters verliert sich hinter belangloser Koketterie. So bleibt zur Pause erst einmal ein schaler Eindruck

Danach hält sich die Regie zumindest in der Handlung zu-
rück; die blaue Lichtstimmung in antiker Kulisse wirkt rund und unaufdringlich, sie passt zu Ariadnes Haltung, ihrem Gefangensein in Trauer und Todessehnsucht. Doch störend
ist beispielsweise, dass die gauklerischen Einlagen der Komödianten-Truppe stets von einer grell aufleuchtenden Lichterkette begleitet werden - als sollte damit gezeigt werden, dass sie bestenfalls ins Festzelt gehören.
Und eine Schluss-Apotheose mit Mond und Sternen, welche die Liebe zwischen Ariadne und Bacchus bescheinen: Das ist schlichtweg Kitsch.

Nur musikalisch ist die Aufführung ein Genuss. Jochem Hochstenbach führt die Badische Staatskapelle über alle Brüche, über alle Szenewechsel hinweg, die wie eine filmische Untermalung scharf geschnitten sind und die Charaktere in ein atmosphärisches Licht tauchen: Da ist das große Pathos des jungen Komponisten, der an der Realität verzweifelt, weil sie seinen künstlerischen Anprüchen nicht genügt und weil diese scheinbar durch Kompromisse beschnitten werden. Da ist der schwermütige, bisweilen entrückte Ton der Ariadne, das Entschweben am Schluss, als sich ihre Trauer wandelt.

In den ausschweifenden Melodien der Totenklage blüht der Sopran von Christina Niessen förmlich
auf, und bei der Bravour-Arie der Zerbinetta spielt auch Diana Tomsche ihre Stärken aus: Eine strahlkräftige, mühelose Höhe, eine betörende Leichtigkeit. Minutenlanger Jubel kommt von den Rängen; diese Partie gehört zum Schwierigsten,
was für einen Koloratursopran je geschrieben wurde.
Tadellos auch Sabrina Kögel als Komponist, der sich von seinen dramatischen Ausbrüchen beherrschen und berauschen lässt; zu einer beglückenden Harmonie finden Berit Barfred Jensen, Natalia Melnik und Tamara Gura als Nymphen Najade, Echo und Dryade. Schließlich erlöst der kraftvolle Bacchus (Lance Ryan) Ariadne aus ihrer Einsamkeit; Sänger wie Edward Gauntt oder Hans-Jörg Weinschenk (als Musiklehrer und Tanzmeister) geben ihren Rollen im Vorspiel soviel Charakter, wie es die Regie zulässt.
Die Akteure auf und vor der Bühne versöhnen mit dem zweifelhaften optischen Eindruck, und so gab es uneingeschränkten Jubel nur für Sänger und Musiker.
(Fotos: Jacqueline Krause-Burberg)

Die Termine: Donnerstag, 28. 05., 20 Uhr (B-Premiere); Donnerstag, 04. 06., 20 Uhr, Samstag, 27. 06. 19.30 Uhr (Gala) und Mittwoch, 08. 07., 20 Uhr


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