01.06.09 Theater als Gesamtkunstwerk Eröffnung der Pfingstfestspiele Baden-Baden/ Großer Jubel für Wilsons "Freischütz"
Regisseure beißen sich an Webers „Freischütz“ gelegentlich die Zähne aus. Jener Inbegriff der „deutschen Romantik“ mit seinen Eckpfeilern wie dem deutschen Wald, der deutschen Natur und dem deutschen Brauchtum – das ist alles in allem dann doch ziemlich viel „Deutschtümelei“. Wie also soll man eine Oper, in der rechtschaffenes Bauern-Idyll gegen die Schrecken der magisch-verruchten Wolfsschlucht abgegrenzt wird, auf die Bühne bringen, ohne dabei bieder, angestaubt oder romantisch-verklärt daher zu kommen? Auch das moderne Regietheater, das solchen Stoffen gewöhnlich zeitgeistige Interpretationen oder allgemeingültige Thesen überstülpt, würde hier wahrscheinlich an seine Grenzen stoßen. Ganz abgesehen davon ist es eines der erklärten Ziele des Intendanten Andreas Mölich-Zebhauser, in den Festspielhaus-Produktionen auf Regietheater zu verzichten.
Der amerikanische Regisseur Robert Wilson löst diesen Konflikt auf seine eigene, spektakuläre Weise. Spektakulär deshalb, weil seine Inszenierung weder interpretiert noch abbildet. Sie überzeichnet und radikalisiert vielmehr in Bühnenbild, Kostümen und Gestik - und wirkt doch insgesamt angenehm harmonisch.
Spektakulär sind vor allem die aufwändigen Kostüme: Ein biss-
chen fühlt man sich wie beim Karne- val in Venedig; das niederländische Designer-Duo Viktor & Rolf wurde damit beauftragt, und diese wiederum ließen 1,3 Millionen (!) Svarovski-Kristalle in die Gewänder einarbeiten, um sie mit Glitzern und Funkeln ins rechte Licht zu rücken: Das umgibt die Oper zusätzlich mit dem Hauch des Märchenhaften, streicht die Magie heraus – zumal man dabei in weiß geschminkte, pierrot-ähnliche Gesichter blickt.
Das Folkloristische, Naive steckt ebenfalls in diesen Überzeichnungen; die zum Teil puppenhaften Gesten, die Trippelschritte (Ännchen) unterstreichen dies – doch die Bewegungen werden recht sparsam eingesetzt, denn immerhin haben die Sänger dank der Stoffpracht reichlich Gewicht am Körper.
Dagegen scheint das Bühnenbild geradezu skelettiert: Einige gezackte Baumstämme, die Umrisse einer Waldhütte – und damit ist der Schauplatz klar. Die Atmosphäre dazu schafft die Lichtregie: Wei-
ches Blau für die Dämmerung, teuflisches Rot für den Bund zwischen Kaspar und Samiel, Nachtschwarz für die Wolfs- schlucht, wo Felsen drohend aufragen und Blitze scharf dazwischenfahren. Wilson gibt eine Form vor, die durchlässig macht für die Musik: „Sehenhören“ nennt er das. Der Regisseur, der als Jugendlicher an einer Sprachstörung litt, hat offensichtlich in besonderem Maße gelernt, sich in Bildern auszudrücken: Für ihn ist das Theater ein Gesamtkunstwerk, und damit bleibt er wiederum ganz in der Tradition der Romantik.
Der "Freischütz" ist Wilson, von dem auch Bühnenbild und Lichtregie stammen, zudem nicht neu: Das Musical "Black Rider", das auf demselben Stoff beruht, hat er für das Hamburger Thalia Theater bereits in Szene gesetzt.
Die Regie ist gleichermaßen eine Herausforderung für die Akteure, denn es obliegt nun allein der Musik, die Emotionen dieses Dramas herauszuheben. Am Pult bereichert Thomas Hengelbrock dieses „Sehenhören“ mit seiner musikalischen Farbenlehre, und wo Hengelbrock draufsteht, da ist in der Regel Originalklang drin – auch wenn das Orchester (in diesem Fall das fabelhafte, vor Musiziergeist sprühende Mahler Chamber Orchestra) gar nicht auf historischen Instrumenten spielt (Ausnahme für diese Produktion: die Besetzung der Hörner und der Flöten).
Da hört man plötzlich Mittelstimmen, ungewohnte Bewegungen; da wird – ähnlich dem Bühnenbild - alles zugespitzt; der Ausdruck entsteht allein durch Intensität, manchmal auch durch ungewohnte Rubati (“Kommt ein schlanker Bursch gegangen“), und nicht durch die gewohnte klangliche Üppigkeit.
Dazu passen auch die durchweg geschmeidigen, ensemblefähigen Stimmen: Matjaz Robavs (Bauer Kilian), Paata Burchuladze (Eremit), Reinhard Dorn (Erbförster Kuno), Klaus Kuttler (Fürst Ottokar). Der Bass von Dimitry Ivashchenko (Kaspar) ist kernig genug, um das Dämonische nach außen zu kehren – und gleichzeitig so flexibel, um sich im entscheidenden Moment schlicht in das Klangbild einzufügen. Gleiches gilt auch für den lyrischen Tenor von Steve Davislim als glückloser Jägerbursche Max: Selten hört man in der Arie „Durch die Wälder, durch die Auen“ ein solch sprachloses, angsterfülltes Pianissimo; an anderer Stelle kommt der Klang dann gebündelt wie ein Laserstrahl, damit schafft Davislim Größe und Dramatik.
Farbig, obertonreich und mit einem durchweg runden, geschlossenen Klang setzt Julia Kleiter (Ännchen) ein heiteres Gegengewicht zur sorgenschweren Agathe. Für Julia-
ne Banses hauchzartes Legato („Und ob die Wolke sie verhülle“) spendet das beeindruckte Premieren-Publikum reichlich Applaus; nur in die extreme Höhe mischt sich eine leichte Schärfe, hier geht ein wenig von jenem
Schmelz verloren, der ihre üppig-dunkle Stimme sonst auszeichnet.
Ein purer Genuss ist auch der Philharmonia Chor Wien (Leitung: Walter Zeh): schlank, homogen und anscheinend unbegrenzt steigerungsfähig in Richtung Fortissimo. Vom Jägerchor, einem der populärsten Stücke der Oper, ist das Publikum so begeistert, dass Hengelbrock ihn wiederholt - und auch das ist „historisch“: Das Publikum darf sich
während der Aufführung zu Wort melden, wird dabei ins Geschehen einbezogen. Bleibt noch Ronald Spiess in der Sprechrolle des Samiel, der - begleitet von einem Bewegungschor - mit einem teuflischen Gewisper dafür sorgt, dass einem der Schauer über den Rücken läuft.
Selten werden – wie bei der Festspielhaus-Premiere – Sänger, Musiker und Regie gleichermaßen gefeiert: Diese Produktion ist tatsächlich ein Gesamtkunstwerk. (Fotos: Lesley Leslie-Spinks)