|
|
|
|
  |
03.06.09
Vor Leidenschaft hin und hergerissen
Thomas Hengelbrock schuf originelles Miniatur-Drama am zweiten Abend der Pfingstfestspiele
„Eher wird die Erde wieder eine Scheibe, als dass ich die Frauen verstehe.“ Vielleicht wird sich so mancher Konzertbesucher in diesem Zitat aus „Figaros Hochzeit“ wieder gefunden haben – jedenfalls bot auch der zweite Abend im Festspielhaus Baden-Baden mit Thomas Hengelbrock und dem Mahler Chamber Orchestra Abendunterhaltung vom Feinsten. Thomas Hengelbrock verstand es,
aus dem reichen Fundus an Mozart-Arien, die um das Thema männliche und weibliche Treue kreisen, eine Oper „in nuce“ zu schaffen; ein Miniatur-Drama, in dem sich die Arien und Rezitative aus „Don Giovanni“, „Cosi fan tutte“ und „Le nozze di figaro“, dazu drei Sätze aus der Sinfonie g-moll (KV 183), zu einer sinnvollen Einheit fügten: Mag man einer solchen Zusammenstellung normalerweise skeptisch gegenüber stehen - hier funktionierte, was andernorts vielfach zum Stückwerk wird, und so schuf Hengelbrock aus diesem Repertoire etwas ganz Eigenes: gewissermaßen eine Kammerkantate im Stil des 18. Jahrhunderts.
Und auch die Programm-Zustammenstellung passte in jene Zeit: Denn damals mischte man Stile und Gattungen bunt durcheinander, im Vordergrund stand nicht das Werk, sondern der Solist.
Es waren zwei charakterstarke Künstler, die sich hierbei gekonnt die Bälle zuspielten. Die französische Sopranistin Véronique Gens und der Bariton Peter Mattei sangen sich stellenweise rausch-
haft durch Liebesqualen und verletzte Eitelkeiten: Kaum ist der letzte Ton des aufrührerischen „Allegro con brio“ aus der Mozart-Sinfonie verklungen, da stürmt Véronique Gens im aufreizend geschlitzten Kleid auf die Bühne
und knallt zuerst ihre Handtasche auf den Tisch, deren Inhalt später zum szenischen Leitfaden wird.
Vor Leidenschaft hin und her gerissen, beteuert weibliche Standfestigkeit – und dies alles mit einer Stimme, die sie nicht nur nach Belieben dramatisch anschwellen lassen und in den Koloraturen geschmeidig führen kann - nein, sie wechselt auch noch mühelos das Stimmfach; von Dorabella zu Fiordiligi, dann zu Zerlina. Nur die extreme Höhe wird gelegentlich scharf, was aber in diesem Fall zum Ausdruck durchaus passt.
Spielerisch und stimmlich grandios agiert auch Peter Mattei, wenn er als Figaro einerseits über das Wesen der Frau und die „Meisterinnen der Täuschung“ sinniert (dabei greift er in die Handtasche und versprüht Parfüm in die erste Reihe), und später als Guglielmo die Gemeinde der Konzertbesucher geradezu beschwört, als er ins weibliche Gewissen redet. Der Schluss ist versöhnlich: Mit „La ci darem la mano“ hat es den Anschein, als fänden sich zumindest in dieser Miniatur-Oper Mann und Frau dann doch noch.
Schumanns Sinfonie Nr. 3 („Rheinische“) überrascht durch ihren rhythmischen, federnden Schwung gleich im ersten Satz; allerdings: Bei Hengelbrock überrascht dies auch wiederum nicht. Da sind zarte Farbabstufungen in Celli und Holzbläser zu hören, und das alles nimmt er unter einen Atem. Der dritte Satz ist so leicht geschwungen, so aquarellfarben, dass man sogar die Bratschen wahrnimmt, und im weihevollen vierten Satz gelingt ihm ein konzentrierter Fluss, der fast stoisch wirkt, dabei aber niemals ins Stocken gerät. Nachdem das Finale an Elan, Eleganz und erzählerischem Reichtum alles aufgeboten hatte, war das Publikum ein weiteres Mal diesem Orchester reich beschenkt worden.
(Fotos: Andrea Kremper)
zurück zur Hauptseite
zurück zu "Kritik"

|
|
|
|
|