28.06.09
Vom Singen mit und ohne Seele
Andersens "chinesische Nachtigall" als Kinderoper im Festspielhaus


Die Harfe glitzert, die Flöte und das Klavier säuseln, und alle zusammen umflirren sie eine sphärische Gesangstimme, die sich irgendwo in den Räumen des Festspielhauses erhebt. In den ersten Reihen werden Köpfe gereckt; auf der Bühne sitzen mehr als 150 Kinder, die aufgeregt miteinander tuscheln – auf diesen Moment haben sie lange gewartet, und bereits vor Beginn der Aufführung haben sie das durch ungeduldige „Nachtigall“- Rufe kundgetan.

Beim Kindermusikfest im Rahmen des Education-Programms "Kolumbus" gab es im Festspielhaus Baden-Baden für die kleinen Musikfreunde diesmal eine Oper zu entdecken: Dazu hatte
man die „Junge Kammeroper Köln“ an die Oos eingeladen; in Zusammenarbeit mit dem Verein „Theater für Kinder“ hat das Ensemble Andersens Märchen „Die chinesische Nachtigall“ als Kinderstück eingerichtet. Dabei handelt es sich um ein Werk der versierten jungen Sängerin Esther Hilsberg, die nicht nur die Rolle der Nachtigall übernahm, sondern ebenso als Komponistin gefragt ist und die Kinderoper im Rahmen eines Stipendiums der Kulturstiftung Sachsen schrieb. So ergab es sich, dass die jungen Festspielhaus-Besucher eine Uraufführung erlebten und von den Kölnern in Workshops außerdem spielerisch darauf vorbereitet wurden.

Der Magdeburger Regisseur Holger Pototzki schrieb das Libretto dazu, und insgesamt brachte das junge Team um Regisseurin Enke Eisenberg in zwei gut besuchten Vorstellungen ein ansprechendes Stück auf die Bühne: die Geschichte eines unscheinbaren, grau gefiederten Vogels, der in den Wäldern rund um den chinesischen Kaiserpalast lebt und so schön singen kann, dass er die Menschen zu Tränen rührt. Es ist somit auch die Geschichte um das Singen mit oder ohne Seele, um pure Äußerlichkeiten und echte Gefühle in der Musik – ein Stoff, der wie geschaffen ist, um Kinder generell an das Thema „Musiktheater“ heranzuführen, zumal das Ganze auch mit farbenfroher Exotik (Ausstattung: Thomas Pfau) untermalt wurde.

Inmitten roter Schachteln (Geschenke aus allen Ländern der Welt, sogar Coca-Cola aus Amerika) sitzt gelangweilt der Kaiser (Wolf Latzel), der allerdings plötzlich aufhorcht, als er im Buch eines deutschen Gelehrten von der Nachtigall hört. Sofort trommelt er seine Dienerschar zusammen: die drei tölpelhaften Burschen Päng, Pingpang und Pong (Manami Okazaki, Triin Maran, Patrick Kramar), die abwechselnd durch übertriebene Unterwürfigkeit und dümmliche Arroganz auf sich aufmerksam machen. Doch ein kleines, kluges Küchenmädchen (Tjana Hilsberg) weist ihnen schließlich den Weg zur Nachtigall: In diesem Kinderstück ist es sinnigerweise ein Kind, das der Geschichte immer wieder die entscheidende Wendung gibt - in jenem Moment, als sich die Nachtigall (die ab sofort  immerzu für den Kaiser singen muss), im Palast eingesperrt fühlt, und auch in jenem Moment, als der Vogel Konkurrenz von einer schillernden Zwitschermaschine (Manami Okazaki) bekommt. Denn während der gesamte Hofstaat noch verzückt ist von den Koloraturen auf Knopfdruck, da erkennt das Mädchen bereits: „Der Vogel singt ohne Seele“. Und tatsächlich ist es schließlich die echte Nachtigall, die den Kaiser vom Totenbett zurück ins Leben holt, während der Kunstvogel mit kaputter Mechanik wie ein Wrack daneben steht. In diesem Moment erkennt der Kaiser, dass er bisher „dem schönen Schein“ verfallen ist, und alles Theatralische und Hochmütige fällt plötzlich von ihm ab; seine Stimme ist nun ganz innig, weich, nachdenklich.

Sehr sorgsam hat Esther Hilsberg dieses Stück in Töne gesetzt; es
ist farbig und temporeich und wird vom Instrumentalensemble (unter der Leitung der Pianistin Inga Hilsberg spielten Mitglieder der Kölner Symphoniker) ebenso farbig begleitet. Die drei Diener purzeln
bei einem flotten, rhythmischen Sprechgesang umher, die Nachti-
gall bekommt eine anrührende, romantische Kantilene, die künstliche Konkurrenz dagegen
eine monotone Linie aus halsbrecherischen Sprüngen, die sich aber irgendwann totlaufen. Und als die Nachtigall schließlich zum kranken Kaiser in den Palast zurückkehrt, da wird sie von einer traurig-schönen Weise begleitet.
Die Kinder folgen aufmerksam der Spielfreude dieses jungen Ensembles; sie helfen mit einem zuvor einstudierten Lied eifrig beim Suchen der Nachtigall: Schöner und gefühlvoller kann man kaum an die Oper herangeführt werden.
(Fotos: Andrea Kremper)


Hörbeitrag (MP3):
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