12.07.09
Auch Feuerdrachen zünden nicht
Geteilte Ansichten über Dominique Menthas "Barbier" am Badischen Staatstheater Karlsruhe


Das Premierenpublikum im Badischen Staatstheater war deutlich in zwei Lager gespalten: Eines aus Buh-Rufern und eines aus Bravo-Verfechtern, und beide schrieen so hartnäckig gegeneinander an, dass es das Regieteam auf der Bühne und manch anderer im Saal schon wieder komisch fand.
Genau so uneinheitlich war allerdings Dominique Menthas Inszenierung von Rossinis "Barbier von Sevilla": Einige originelle Ideen, einige Blödeleien, die in einer Buffo-Oper ohne charakterliche Entwicklungen durchaus angebracht sind – aber keine durchdachte Linie, keinen wirklichen Biss. Und so laufen manche Gags einfach ins Leere, kommt so mancher Auftritt als törichte Nonsens-Nummer daher.

Der Barbier von Sevilla, Badisches StaatstheaterWeil im Zentrum die Geschäfte des ebenso windigen wie findigen Figaros stehen und weil auch dieses Thema wieder einmal so wunderbar zur Finanzkrise passt, wird man in Form eines Geldautomaten der „BSK Bank“ ständig daran erinnert. Und da in dieser Oper je nach Bedarf intrigiert und bestochen wird, sind als Konstanten in der Szene auch dauernd Scheine im Umlauf (von Rosina werden sie bei ihrer Auftrittsarie sogar feinsäuberlich gebügelt). Allerdings scheint es hier jedem Beteiligten vorrangig nur ums Geld zu gehen, und letztlich hält dann auch tatsächlich der Automat alles zusammen - womit man gleichzeitig auch noch den Bogen zu den automatisierten Abläufen der Industrialisierung im frühen 19. Jahrhundert geschlagen zu haben glaubt.

Bereits die erste Szene macht misstrauisch: Graf Almaviva besteigt zur Kavatine den Geldautomaten, als wäre dieser eine Kanzel; das Musiker-Ensemble streift sich indessen, wenig einfallsreich, schwarze T-Shirts über mit der Aufschrift: „Badische Staatskapelle – Gastspiel Sevilla“.
Dann folgt allerdings Pfiffiges. Figaro schwebt mit einem alten Fahrrad (ausgestattet mit Propeller) ein: eine mobile Geschäftszentrale, die eine ausgeklügelte Rasier-Mechanik und auch sonst allerhand Nützliches enthält. Der „Händler des kleinen Glücks“, mit smartem Lächeln und Thomas-Gottschalk-Outfit (Susanne Hubrich hat ihn mit blonder Lockenmähne und Lederjacke ausgestattet), ist auf alles vorbereitet; er hat den Quartierschein für Almaviva ebenso in der Tasche wie die Uniform und die Flasche Rotwein für den (vorgetäuschten) Trunkenheitszustand.

der Barbier von Sevilla, Badisches StaatstheaterAuf der Bühne (eingerichtet von Christian Floeren) tun sich unterdessen museale Zustände auf. Der Kopf eines Dinosauriers ragt über den Wänden hervor; darauf sitzt Rosina, die am richtigen Leben nicht teilnehmen darf, sondern bewacht
wird wie ein Exponat.
Bis dahin wäre alles plausibel; die Regie meint aber vor allem etwas anderes: Da Rossinis Opernschaffen von der Commedia dell´ arte geprägt ist, zeichnet Dominique Mentha in Don Bartolo den „Dottore“ ohne wahres Wissen, der in Wirklichkeit nur eine fossilhafte Gestalt mit urzeitlichen Heilmethoden darstellt. Doch die Regie verzettelt sich – der Geckenhafte, der übers Ohr gehauen wird, geht hier völlig unter; man weißt nicht so richtig, was man von der Figur eigentlich halten soll, und von den meisten anderen weiß man das ebenso wenig.
Hilflos und lächerlich wirkt dementsprechend auch das schwarze Schwänzchen auf Bartolos Rücken, das sich im Lauf der Oper zum großen Reptilienschwanz auswächst. Das mag vielleicht noch eine zusätzliche Anspielung auf den alternden Lustmolch sein, wirkt aber einfach nur platt und unnötig. Über viele solcher Details schüttelt man den Kopf – so etwa über die Wachsoldaten, die in Taucheranzügen erscheinen, weil sie zur „Inselfestung“ des Bartolo vordringen wollen.
In der Schlussszene scheinen die vielfach erzwungenen Effekte dann völlig aus dem Ruder zu laufen. Der Geldautomat spuckt, der Saurier qualmt (als Feuerdrache), und über diesem Chaos entschweben fröhlich lächelnd Almaviva, Rosina und Figaro im Heißluftballon.

Der Barbier von Sevilla, Badisches StaatstheaterGanz anders die Musik: Justin Brown und die Badische Staatskapelle musizieren so zugespitzt und manchmal in solch aparter Weise ruppig und spröde, dass man stellenweise meinen könnte, hier säße ein historisch spezialisierter Klangkörper (hervorzuheben auch Simone di Felice am Hammerklavier). Da sieht man auch über den einen oder anderen Misston (in der Ouvertüre) hinweg. Zwischen Bühne und Orchestergraben gibt es allerdings öfter rhythmische Unstimmigkeiten, die sich noch einspielen mögen; gelegentlich ist die Balance zwischen Sängern und Orchester auch nicht ganz ausgewogen.
Insgesamt gilt: Hut ab vor den beständigen Leistungen des Sänger-Ensembles, vor den stets schlank sitzenden und dennoch farbigen Koloraturlinien von Armin Kolarczyk (Figaro), Ina Schlingensiepen (Rosina) und Jung-Heyk Cho (Almaviva), dem hintergründigen Bass von Basilio-Darsteller Lukas Schmid in der Verleumdungsarie. Solide auch Tero Hannula (Bartolo), Sabrina Kögel (Berta), Mehmet Utku Kuzuluk (Fiorillo) und der Rest des Ensembles, inklusive des Chors (Hendrik Haas).

Insgesamt fühlt man sich bestens unterhalten, und das zeigt vor allem: Rossinis zündende Musik ist nicht so leicht durch Regie-Unsinn zu erschlagen.
(Fotos: Jacqueline Krause-Burberg)

weitere Termine: Samstag, 18. 07., 19.30 Uhr; Donnerstag, 23. 07. und Freitag, 24. 07., jeweils 20 Uhr.



zurück zur Hauptseite

zurück zu "Kritik"



Links zum Thema

Badisches Staatstheater

© Pamina Magazin, Redaktion, Impressum