23.07.09
Größe, ganz ohne Glamour
Anna Netrebko brilliert im Festspielhaus Baden-Baden in Tschaikowskys "Jolanthe"


Sie kam erst im zweiten Teil - und sie reihte sich unaufdringlich, innig und schlicht in ein hervorragendes Sängerensemble ein. Und dennoch gehörte ihr das Festspielhaus an diesem Abend ganz: Fernab von Glanz und Glamour zeigte Anna Netrebko in Baden-Baden echte Star-Qualitäten.


Sie konzentrierte sich ganz auf den Reifeprozess der blinden Jolanthe – zunächst lyrisch, zart, verinnerlicht, am Ende stählern und selbstbewusst. Die Titelpartie in dieser hörenswerten und hierzulande kaum bekannten letzten Tschaikowsky-Oper verlangt einer Darstellerin an Intensität alles ab – hier gibt es keine zündenden Arien, hier gibt es nur musikalische Entwicklungen und lange Spannungsbögen. Es spricht für Anna Netrebkos Kunst, sich einzig dieser Rolle zu widmen.
Zwar war das Publikum im ausverkauften Festspielhaus hauptsächlich wegen ihr an die Oos gekommen, und womöglich nahm manch einer den ersten Einakter, Rachmaninows „Aleko“, nur in der Aussicht auf den anschließenden Auftritt der Star-Sängerin in Kauf – zumal dieses Eifersuchtsdrama aus dem Zigeuner-Milieu nicht so ganz befriedigte.

Aleko im Festspielhaus Baden-BadenEs ist die Geschichte um eine völlige Freiheit, ohne gesellschaftliche Zwänge – die allerdings abrupt in einer Tragödie endet, sobald der Bogen über-
spannt wird.
In diesem Fall steht das Zigeuner-Mädchen Zemfira zwischen zwei Männern, ihrem eigenen und ihrem Liebhaber, und die damit verbun-denen Leidenschaften spitzen sich im Laufe einer Stunde derartig zu, dass Aleko, der betrogene Ehemann, schließlich keinen anderen Ausweg mehr sieht als
zum Messer zu greifen.

Regisseur Mariusz Trelinksi verlegt diese Geschichte in einen Containerbahnhof; die Bühne ist ständig in ein verschwommen rötliches Licht getaucht –  tatsächlich schimmert immer ein wenig Rotlicht-Milieu in die Szenerie hinein: Die Damen sind schrillbunt gekleidet und auffallend zurechtgemacht, das Ganze hat den Anstrich des Morbiden. Sonst allerdings tut sich auf der Bühne wenig.
Zwar leuchtet der Bassbariton von John Relyea (Aleko) mit packender Dramatik aus dem Ensemble heraus – doch dies bleibt denn auch tatsächlich der einzige Glanzpunkt der Aufführung. Veronika Djioeva (als Zemfira) reicht hier schon nicht mehr ganz heran; der Klang ihrer an sich angenehmen, strahlkräftigen Stimme zerbirst in der Höhe und wird scharfkantig.
Immerhin, man hört, dass die Oper eigentlich hörenswert ist. Doch Valery Gergiev und das Orchester des Mariinsky-Theaters bleiben in diesem ersten Teil noch eher statisch und distanziert – und so kommen die mit aparten Exotismen durchsetzten Lieder und Zigeunertänze nur bedingt zur Geltung.

Anna Netrebko in "Jolanthe" in Baden-Baden Doch welch ein Aufblühen in „Jolanthe“: Die Phantasiewelt, die Unschuld der Königstochter (zurückgehend auf ein Drama des dänischen Dichters Henrik Hertz); schließlich deren selbst bestimmte Heilung in jenem Moment, als die Welt des anderen Geschlechts in ihre Welt eindringt – all das wird hingebungsvoll und in üppig-satten Farben geschildert, die zum Dunkel der Blindheit den Kontrast bilden.

In einem (mittelalterlichen) Vogesengarten lebt Jolanthe: Die Regie steckt die in kindlicher Unschuld Gefangene in einen quaderförmigen, begrenzten Raum; Licht und Kostüme sind grau, nur gelegentlich flackern Jolanthes unruhige Gedanken als äußere Licht-
reflexe auf. Ein arabischer Arzt nährt die Hoffnung auf Heilung – doch nur, wenn sich Jolanthe ihrer Blindheit wirklich bewusst wird und die Heilung von sich aus wünscht. Dabei kommt ihr Graf Vaudémont zu Hilfe, der ihr das Licht der Schöpfung in einer bewegenden Szene schildert. Er ist der Begleiter des ihr ursprünglich angedachten Herzogs Robert von Burgund, und die beiden haben nun die Chance, ihre Liebe zueinander selbst zu entdecken - ganz ohne Fremdbestimmung.

Rieselten zuvor noch die Klänge der zart wogenden Streicher und der Harfe in die Mädchenträume hinein, so wandelt sich am Ende alles Entrückte, Melancholische in eine straffe Führungslinie der Hauptfigur: Anna Netrebko meistert all dies in einer atemberaubenden Selbstverständlichkeit; ihr zur Seite steht der durchweg brillante Tenor Piotr Beczala an Stelle des ursprünglich vorgesehenen Rolando Villazón. Tadellos ebenso der Bariton Alexei Markov als Herzog Robert und daneben Sergei Aleksashkin als König René. Auch Valery Gergiev und das Mariinsky-Orchester lassen nun keine Wünsche mehr offen.

Nach dem fulminanten Schlussbild, - dem lieto fine, welches alles in ein „Happy End“ fügt – gibt es den erwarteten überwältigenden Jubel. Die Netrebko-Fangemeinde hat eine Oper gehört, in deren Genuss sie ohne die Primadonna vielleicht nie gekommen wäre: So schlägt man aus dem Starkult echtes Kapital.
(Fotos: Andrea Kremper)

weitere Aufführungen: Freitag, den 24. 07. und Montag, den 27. 07. jeweils um 19 Uhr; Karten unter 07221/ 3013 101



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