05.10.09
Charakter unter klinisch reiner Strenge
Robert Wilsons "Dreigroschenoper" mit dem Berliner Ensemble in Baden-Baden


Diesmal war alles ein wenig anders: Freches Polit-Theater statt glanzvoller Oper gab es in Baden-Baden bei den Herbstfestspielen. Doch Robert Wilsons Inszenierung von Bert Brechts und Kurt Weills "Dreigroschenoper", die vor zwei Jahren mit dem Berliner Ensemble am Theater am Schiffbauerdamm (der Uraufführungs-Spielstätte) Premiere hatte, zählt zu den besten Deutungen des 80 Jahre alten sozialkritischen Bühnenklassikers.

Robert Wilson, DreigroschenoperDie Aktualität schlägt einem beinahe in jeder Szene entgegen. Die Jugend braucht Spaß und tut daher nichts, was „Sinn und Zweck“ hat. In schweren Zeiten wird aus Mitleid Kapital geschlagen, muss jeder zunächst einmal seine eigene Haut retten („erst das Fressen, dann die Moral“). Daraus folgt: Der Einbruch in eine Bank ist nichts gegen die Gründung einer Bank. An dieser Stelle, (es gibt beherzten Szenen-Beifall im Festspielhaus), wird der Spott zur Real-Satire, zumal der Hauptsponsor dieser Veranstaltung eine baden-württembergische Großbank ist.
Gerade weil der gesellschaftspolitische Zündstoff so offensichtlich ist, scheint es verlockend, der „Dreigroschenoper“ einen zeitnahen Bezug überzustülpen. Doch das ist gleichermaßen einfallslos, denn Text und Musik sprechen für sich - hier muss nicht hineininterpretiert, hier muss lediglich ins recht Licht gerückt werden.

Robert Wilson, DreigroschenoperGenau an dieser Stelle greift Robert Wilsons magisches Marionettentheater; die Künstlichkeit der bleichen Gesichter, der Licht-
und-Schatten-Effekte, der puppenhaften Trippelschrittchen und der dandyhaften Gesten – all das passt zur Halbwelt des Varieté und
zu den verklärten goldenen Zwanzigern, es beschwört (zwielichtige) Stummfilm-Atmosphäre und deutet gleichermaßen den Londoner Untergrund an. Dazu setzt das Dreigroschen-Orchester schillernde Akzente mit Kurt Weills schrägem Stilmix aus Jazz, Kirchenmusik, Opern- und Operetten-Karikaturen; manchmal kommentiert gar eine weiche Hawaii-Gitarre das Geschehen auf der Bühne.

Flammende Kreise leuchten in das Dunkel: eine schillernde Jahrmarktsbeleuchtung zur Moritat von Mackie Messer, der man das Knistern einer alten Schellackplatte beigemischt hat. Nahtlos laufen die Bilder ineinander; sie entfalten sich rund um das stilisierte Mobiliar, um Leuchtröhren, die sich entweder in kühler Eleganz zu geometrischen Mustern zusammenfügen oder schlicht als Gefängnisgitter dienen. Wo zu viele Requisiten nur stören würden, da schafft man Bilder durch Geräuschsequenzen wie in einer Hörspielszene: Klimpernde Münzen, klackernde Vorhänge (in Anlehnung an die „Brechtsche Gardine“) werden mit pantomimischen Gesten verbunden. Und wo sich Gesten und Ausstattung dann nochmals mit der Musik verbinden lassen, da wird auch diese Ebene noch genutzt: Mit clownesken Ausfallschritten pointiert Macheath den Rhythmus von Kurt Weills Gassenhauern und fällt damit einen Moment lang auch aus seiner divenhaften Pose heraus. Ein gediegen roter Vorhang umrahmt die Schluss-Szene, wo der rettende Bote zur persiflierten Opernromantik herbeikommt. Bruchlose Übergänge innerhalb der Handlung schafft schließlich eine Stimme aus dem Off (Walter Schmidinger), welche die Zusammenfassungen über den jeweiligen Szenen liest. Nur im ersten Bild lahmt die Regie: Das hysterische Herumschwirren der Frau Peachum, die in Sorge um ihre Tochter ständige „Jesus-Jesus“-Rufe ausstößt, gleicht einer Endlos-Schleife.

Robert Wilson, DreigroschenoperUnter der fast klinisch reinen Strenge, die nur andeutet und alles Konkrete beiseite lässt – gerade da entfalten sich auf wunderbare Weise Figuren mit Profil: Macheath, Bandit und Polygamist zugleich (faszinierend in dieser Rolle: Stefan Kurt), trägt Fetisch-Wäsche unter seinem schwarzen Mantel; er bewegt sich damit zwischen beiden Geschlechtern, und das macht ihn erst recht fremd und unberechenbar.

Knorriges Gegenstück dazu ist Veit Schubert als Jonathan Jeremiah Peachum, der Chef einer Bettlerplatte, der in seiner kantigen Art die glatt geschliffene Regie unterläuft. Mit seiner schrulligen Frau Celia (herzerfrischend komisch: Traute Hoess) liegt er ständig im Clinch, und deren zur Schau gestellte Rundungen zeigen außerdem, wo es ihr im Zusammensein mit dem Gatten ansonsten an Befriedigung fehlt. Peachum treibt außerdem den korrupten Polizeichef Brown (Axel Werner) in die Enge, und dessen mangelndes Rückgrat zeigt sich auch bildhaft in seiner gekrümmten Haltung.

Ein wenig blass wirkt dagegen Polly Peachum (Christina Drechsler): Die Naivität dieser romantischen Kindfrau ist zu eindimensional, als dass sie den derben, hintergründigen Zügen der „Seeräuber-Jenny“ und des „Barbara-Songs“ facettenreich begegnen könnte. Genial ist dafür Angela Winkler (Spelunken-Jenny), die mit ihrem (gewollt) abgehalfterten Tremolo in der Stimme (beim „Salomon-Song“) und ihrem feuerroten Haar zum weißen Gesicht sämtliche Huren-Klischees bedient.
Es ist ein großartiger Abend voller Zaubertheater, voller Überzeichnungen, mit einem Hauch von Dekadenz.
(Fotos: Lesley Leslie Spinks)



Anzeige:






zurück zur Hauptseite

zurück zu "Kritik"



Links zum Thema

Festspielhaus Baden-Baden

Berliner Ensemble

Bert Brecht

Kurt Weill

© Pamina Magazin, Redaktion, Impressum