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06.10.09
Erzwungene Freiheitskämpfe
Beethovens "Fidelio" am Badischen Staatstheater Karlsruhe
Manchmal möchte man Opern-Regisseure gerne fragen, ob ihnen Musik und Libretto bei ihrer Arbeit denn sehr im Wege stehen. Diese Frage stellte man sich beispielsweise bei Robert Tannenbaum, der am Badischen Staatstheater Beethovens „Fidelio“ inszenierte – ja, wenn es denn eine Inszenierung gewesen wäre. Die immer zeitgemäßen Themen, die um große menschliche Fragen wie Humanität und Freiheit (die innere wie die äußere) kreisen, verleiten Regisseure manchmal dazu, ihre Arbeit mit höchstem Anspruch zu beginnen; in diesem Fall mit dem Anspruch, die handelnden Figuren auf psychologische Prozesse hin zu durchleuchten, damit sich das Stück nicht als einseitige Heldenverehrung eines idealisierten Frauentypus liest.
Deshalb ebnet Tannenbaum alles ein, deshalb vielleicht das ermüdende Einheitsgelb der Figuren, die immer gemeinsam auf der Bühne und irgendwie ständig miteinander in Beziehung stehen – auch dann,
wenn sie gerade nicht handeln.
Im Mittelpunkt dieses als Kammerspiel eingerichteten Prozesses sitzt Florestan, das offensichtlichste Opfer von Freiheitsberaubung und Willkür, demonstrativ an einen Rollstuhl gefesselt. An seinem Schicksal entzünden sich die Gefühle und Konflikte aller handelnden Figuren: Roccos Mitläuferschaft, Leonores Geradlinigkeit, verbunden damit schließlich Marzellines Liebe zum vermeintlichen Fidelio. Doch nach Tannenbaums Lesart sind sie alle Gefangene. Sie bilden die „geschlossene Gesellschaft der Gefängnis-Bediensteten“ (so der dankenswerte Hinweis im Programmheft); sie sind gefangen in ihren Rollen und deshalb aneinander gekettet. Diesen begrenzten Raum beschreibt eine schwarze Wand (Ausstattung: Peter Werner), deren Türen sich je nach Seelenzustand entweder öffnen oder völlig verschließen.
Doch all diese Gedanken zünden nicht. Das liegt an der offensichtli-
chen Unfähigkeit des Regisseurs, sein Konzept in schlüssige Bilder umzusetzen. Zu konstruiert, zu abwegig ist das, was man auf der Bühne angeblich sehen soll; vielmehr deutet man die Eindrücke, die man tatsächlich wahrnimmt, als schlichte Einfallslosigkeit. Zu dieser unausgegorenen Regie passt der Prolog, welcher „Roccos Erzählung“ von Walter Jens entnommen ist – dies sind Zwischentexte aus dem Jahr 1985 zur Oper "Fidelio", die den Blick des Zuschauers auf die Nebenfiguren lenken möchten, an dieser Stelle aber völlig zusammenhanglos wirken. Dazu passt auch der Männerchor, der im ersten Akt stumm auf das Geschehen herabblickt. Die Großen der Geschichte, die man in den Verkleidungen erkennt, weiß man nicht einzuordnen.
Der geschlossene Raum auf der Bühne, die ewiggleiche Perspektive, das Verschwimmen der Beziehungsstränge: All das macht die Aufführung ermüdend und sorgt über weite Strecken gar noch dafür, dass man diese Längen auch in der Musik hört - obwohl Justin Brown und die Badische Staatskapelle ihrerseits die Partitur straff und markant in Angriff nehmen, obwohl sie dramatisch nach vorne preschen und bei lyrischen Momenten behutsam innehalten.
Die Leistungen der Sänger versöhnen mit dieser fragwürdigen Inszenierung, sie allein retten den Figuren ihre Glaubwürdigkeit: Christina Niessen (Leonore), deren Stimme vor allem in ihrer Solo-Arie („Abscheulicher!“) aufblüht und gegen Ende der Oper stählern über das Orchester hinwegglänzt; Ina Schlingensiepen (Marzelline), die ihrem hellen, immer perfekt sitzenden Sopran soviel Intensität zuführt, dass man ihr falsche Hoffnungen wie Enttäuschungen gleichermaßen abnimmt. Der Tenor von Lance Ryan (Florestan) klingt zwar etwas eng, doch wenn er den ersten Ton seiner Arie („Gott, welch Dunkel hier“) anschwellen lässt und das Orchester unerbittlich dazu pocht, dann steht dies wie eine heftige Anklage im Raum. Der runde, eindringliche Bass von Ulrich Schneider (Gefängniswärter Rocco) ist bestens geeignet, das Hin- und Hergerissensein zwischen Mitleid und Gehorsam auszuloten, Walter Donati setzt als Don Pizarro markante Akzente; überzeugend auch Edward Gauntt als Minister, der im Gefangenen schlicht einen Mitmenschen erkennt, überzeugend ebenso Matthias Wohlbrecht in der Rolle des zurückgewiesenen Jaquino.
Versöhnt wird man glücklicherweise auch durch die Leistung des Chores (Ulrich Wagner), denn als sich am Ende die Kerkertüren öffnen und eine illustre Abendgesellschaft aufdringlich mit Programmheften winkt – da bleibt nichts als Kopfschütteln über die Idee der (scheinbaren) Freiheit, die angeblich vereitelt wird durch uns, die Gesellschaft; da hat man endgültig genug von diesen in die Oper hinein gezwungenen Kämpfen mit Normen, Rollen und unerfüllten Wunschvorstellungen.
Das Publikum reagierte überwiegend entrüstet auf die Regie – zu Recht!
(Fotos: Jacqueline Krause-Burberg)
Die nächsten Aufführungen: Mittwoch, 07. 10. (B-Premiere) und Freitag, 16. 10., jeweils 20 Uhr
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