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07.10.09
Musik gegen die Vernichtung
Anne Sofie von Otter mit "Musik aus Theresienstadt" im Festspielhaus
Humor und schöne Klänge als Waffe gegen das Leid, die Kunst als einziger Rückzugsort, als Oase in der Wüste des Terrors. „Wir kamen immer in die heile Welt. Die Musik hat uns leicht und schön gemacht“, erzählt Anna Flachová, eine Überlebende aus dem Mädchenheim in Theresienstadt, dem "Vorzeige"-Lager des Nationalsozialismus. Hier, hinter den Ghetto-Mauern, schrieb und spielte man an gegen die Vernichtung. Hier waren Künstler wie Viktor Ullmann und Pavel Haas inhaftiert; viel versprechende Musiker, deren Werke glücklicherweise nach dem Krieg entdeckt und uraufgeführt wurden - darunter auch Ullmanns Theresienstädter Oper „Der Kaiser von Atlantis“.
Die schwedische Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter und Bengt Forsberg, ihr langjähriger Partner am Klavier, dazu der Geiger Daniel Hope und der Jazz-Musiker Bebe Risenfors (Akkordeon, Kontrabass, Gitarre) erinnern in einer CD-Einspielung an diejenigen, deren Stimmen damals
jäh ausgelöscht wurden. Sie tun dies mit liedhaften Weisen, mit beschwingten Salonstücken, je nachdem, wie man der Ausweglosigkeit begegnete. Dieses Programm brachten die Musiker auf die Bühne des Festspielhauses.
Anne Sofie von Otter ist eine versierte Sängerin, die sich oft an der Grenze zwischen einzelnen Sparten bewegt. Der Operetten-Schlager, das einfache, aber wirkungsvolle Wiegenlied und den epischen Atem, den man für größere Zusammenhänge braucht – all das scheint für die sympathische Interpretin so selbstverständlich wie ihre auflockernden Zwischenmoderationen auf Deutsch.
Die schlichten Melodien zu den Texten der Schriftstellerin Ilse Weber bilden den Rahmen: „Ich wandre durch Theresienstadt“ nähert sich dem Programm auf behutsame Weise; der zarte Gesang, die sorgfältige Färbung durch Violine und Gitarre legen die nachdenklichen Worte völlig frei. Der Terezin-Marsch, die so genannte Lagerhymne ("Alles geht"!), schlägt dagegen wie ein derber, aufrüttelnder Gassenhauer in diese Atmosphäre hinein, und auf Kálmáns „Komm mit nach Varasdin“ (eingerichtet für Salon-Besetzung) reimt man notgedrungen: „Ja, wir in Terezin, wir nehmen´s Leben sehr leicht hin, denn wenn es anders wär, wär´s ein Malheur.“ Die Musiker holen weit aus; der Kaffeehaus-Ton, das Kabarett, der Glamour zu Beginn des Jahrhundert - alles wird hier eine Spur überdreht, bis man den Trotz hinter der Leichtigkeit erkennt, den unbedingten Willen, dem Leben noch einmal Schönes abzugewinnen.
Doch die Salonmusik kennt auch den leisen, wehmütigen Unterton - wie beispielsweise die Serenade für Violine und Klavier von Robert Dau-
ber, und Melancholie ist auch die Grundfärbung in Viktor Ullmanns „Jiddischen Liedern“: Ein zerbrechlicher Beginn beim Blick auf die „Kleine Birke“, eine behutsame Entwicklung, schließlich ein plötzlicher Ausbruch. Die flüsternden kleinen Blätter haben Ullmann zu diesem Lied inspiriert; die Birke scheint unentwegt zu beten, und so bittet er sie, ihn in ihr Gebet aufzunehmen.
Liebevolle Miniatur-Bilder sind die „Sieben Lieder im Volkston“ von Pavel Haas: Sehnsucht und Augenzwinkern, in aufstampfenden Dreier-Rhythmen, in zartem Säuseln und vor allem in einem ungewohnt prominenten Klavierpart, der manchmal von der Gesangsstimme fast begleitend umspielt wird. Ganz anders dagegen die „Stimmungsbilder“ für Sopran, Violine und Klavier von Erwin Schulhoff, der zwar nicht nach Theresienstadt kam, dessen musikalische Experimentierlust aber im Lager Weißenburg (Bayern) ein abruptes Ende fand. In diesen Bildern drängt die Singstimme nach vorne oder hält plötzlich inne, der Klang verliert sich im Zwielicht, wird trüb oder zart wie ein Windhauch. Bengt Forsberg und Daniel Hope (der ebenfalls hilfreiche Erläuterungen gibt) sind wunderbar wachsame Partner, und sie profilieren sich nicht nur als Begleitung des Gesangs. Der erste Satz aus Schulhoffs Sonate Nr. 2 für Violine und Klavier beginnt mit einem rhythmischen Brodeln, das Klavier jagt oder flieht in raschen Läufen; die Violine schraubt sich in lichte Höhen hinauf. Der Satz, der zwischen sämtlichen tonartlichen Färbungen hin- und herdriftet, endet derb, und das Publikum raunt schmunzelnd. Schulhoff galt als einer der interessantesten Komponisten seiner Zeit.
Musik von Johann Sebastian Bach stand ebenso häufig auf den Konzertprogrammen in Theresienstadt; im Festspielhaus spielte man das innige „Siciliano“ aus der Sonate Nr. 4 für Violine und Klavier. Bachs Musik verbanden viele Inhaftierte mit der vertrauten deutschen Heimat, mit der Kultur lange vor dem Terror.
Beklemmende Schwere lastet auf Carlo Sigmund Taubes „jüdischem Kind“, und schließlich, in Ilse Webers „Wiegala“, verhaucht der Gesang langsam in einem meisterhaften Pianissimo; der Klang stirbt mit den Worten „Wie ist die Welt so stille“. Bedauerlich, dass die vier Musiker diesen Moment anschließend mit einem zugegebenen Lied im Kaffeehaus-Stil von Adolf Strauss übertönten. Das Publikum im Festspielhaus – es hätte sich der Ergriffenheit sicher gerne gestellt.
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