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08.10.09
Auf der Suche nach dem eigenen Ausdruck
David Theodor Schmidt mit Werken von Bach, Schubert, Beethoven und Brahms
Wenn man nach der Beziehung eines Musikers zum Werk von Johann Sebastian Bach fragt, dann fällt meist der (oft überstrapazierte) Begriff der „klaren Struktur“. Doch David Theodor Schmidt, ein sympathischer junger Pianist, der verhältnismäßig spät zum Beruf des Musikers gefunden hat, macht im Gespräch mit SWR-Redakteurin Marlene Weber-Schäfer gleich allerhöchste Ansprüche deutlich: Bach, so erklärt er vor seinem Konzert im Schloss Bruchsal, vereine in seiner Musik die spirituelle, die intellektuelle und die emotionale Ebene. Und in Beethovens Werk reize ihn nicht in erster Linie der jugendliche „Sturm und Drang“, sondern vielmehr die Tatsache, „dass man hier auf etwas stoßen kann, das wahr ist.“ Denn Beethoven lässt die Musik in ihrer ganzen Provokation im Raum stehen; er versöhnt nicht, zumindest nicht auf der musikalischen Ebene. Das sind nicht mehr die Ideale der Aufklärung, das ist die harsche (unvollkommene) Realität.
Vielleicht ist dies der Grund, weshalb Schmidt manche Kontraste bis zum Letzten auskostet und beispielswei-
se dem „Grave“- Beginn in der c-moll-Sonate op. 13 („Pathetique“) eine übermäßige Schwere beimisst. Auf ganz ähnliche Art nähert er sich
auch den Klavierstücken op. 118 von Johannes Brahms, und man spürt: Hier sucht jemand nach dem ganz persönlichen Ausdruck.
Vier Schwergewichte der Klavierliteratur (zwei davon noch dazu Spätwerke) hat der 27jährige Musiker, der aus einer Theologenfamilie stammt und den Johann-Sebastian-Bach-Wettbwerb in Köthen gewann, aufs Programm gesetzt. Er beginnt mit Bach, mit der Partita Nr. 2 c-moll, und durch alle Sätze zieht sich eine Sogwirkung zwischen Ober- und Unterstimme; ein klarer, beweglicher Dialog, behutsam bis in die äußersten Verzierungen.
Schuberts Klavierstücke D 946 hingegen tragen etwas Getriebenes, etwas Unerlöstes in sich. Hier zeigt David Theodor Schmidt einen Vorwärtsdrang, der kaum Kompromisse zulässt; da ist zunächst eine bedrohlich heranrollende Bassfigur, eine ständige Erregung – da sind jedoch auch leichte Schärfen im Diskant und kleine Unebenheiten, und es gibt einige Augenblicke, in denen man den Eindruck hat, der junge Pianist begegnet dem dichten Figurenwerk möglicherweise nicht mit allerletzter Souveränität. Es mag dem Flügel im Kammermusiksaal geschuldet sein: Zunächst sind deutliche Grenzen in der Dynamik hörbar, die Schmidt allerdings nach und nach behutsam ausbalanciert.
Doch er beherrscht die raschen Szenenwechsel; er findet im Mittelteil zu einer Ruhe, die völlig entschleunigt und alles besänftigt, er trifft im anschließenden Allegretto den weichen lyrischen Ton, der aber die unterschwellige Beklemmung, das ständige Pochen nicht verleugnet.
In Beethovens „Pathetique“ legt er alle Gegensätze offen; der Wechsel vom Grave-Thema zum aufgewühlten Allegro, die anschließende Wiederholung – all das gleicht einer ewigen Suche, die auch im dritten Satz noch nicht zu Ende ist, als sich der Pianist von der erregten Motorik selbst so sehr mitreißen lässt, dass er nach dem letzten Ton von Stuhl hochspringt.
Im langsamen Satz findet er jedoch zu einer ganz besonderen Qualität: Dieses „Adagio cantabile“, dieser „Ohrwurm“-Klassiker, zieht in einem betont schlichten, aber höchst wirkungsvollen Erzählton vorrüber. Ähnlich eindrucksvoll spielt er – nach einer raumgreifenden Erregung – das A-Dur-Intermezzo aus op. 118 von Brahms: Er breitet seine Gedanken langsam aus, in einem gleichmäßigen Fluss; ohne agogische Eigenwilligkeiten, ganz unprätentiös. Doch den eindrucksvollsten Moment in diesen sechs Klavierstücken hebt er sich auf bis zum Schluss, als er den Blick zwingend auf das letzte Intermezzo richtet: Ein Ausbruch gegen Ende, ein Rückzug, ein Erstarren - bei Schmidt resigniert die Musik auf eine schauderhafte Art und Weise.
Danach herrscht im Saal vollkommene Stille. Das Publikum verlangt nach einer Zugabe, und Bachs Choral „Ich ruf’ zu dir, Herr Jesus Christ" (in einer Bearbeitung von Ferruccio Busoni) versöhnt behutsam mit dem Unerbittlichen.
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