12.10.09 Die Bratsche setzt sich in Szene Preisträgerkonzert beschließt den Bratschenwettbewerb der Weingartner Musiktage
„Ich muss sagen, die ‚Weingartner Musiktage’ sind sehr selbstbewusst“, kommentierte Hans Hachmann, Moderator und ehemaliger SWR-Redakteur, die Termine der beiden Hauptveranstaltungen: „Die Eröffnung legen sie auf den Tag der Bundestagswahl, und das Preisträgerkonzert auf ‚Deutschland-Russland’.
Doch über mangelnde Aufmerksam-
keit konnten sich die jungen Bratschisten, deren Zunft im Allge-
meinen nur bei den wenig schmeichelhaften Musiker-Witzen
im Mittelpunkt steht, nicht beklagen. Und spätestens bei den wendigen Läufen im Konzert von Franz Anton Hofmeister (einem Mozart-Zeitgenossen) passt das Klischee vom schwerfälligen und begriffsstutzigen Bratscher ohnehin nicht mehr.
Die Bratsche hat jedoch auch andere Qualitäten. Als Mittelstimme federt sie die Profilneurosen der Kollegen ab, und ob ein Akkord in Dur oder Moll erklingt, liegt oft an ihr, scherzte Thomas Renner (Vorstandsvorsitzender der Sparda-Bank Baden-Württemberg) und verwies damit auf einen vor kurzem erschienenen Zeitungsartikel. Ernst wurde Renner hingegen, als er das kulturelle Engagement der Banken ansprach: Bedauerlicherweise würden dies derzeit viele überdenken, und dabei benannte er unumwunden die Tatsache, dass die verspielten Milliarden in diesem Bereich sehr fehlten.
Dabei strich er die Rolle der Sparda-Bank ebenso deutlich heraus: „Das Wertvolle muss anders zur Geltung kommen als nur durch Zahlen in den Bilanzen“. Hörenswert waren jedenfalls die Vorträge derer, die unter dem Jury-Vorsitz von Hans Hachmann mit Preisen bedacht worden waren und von Bürgermeister Klaus-Dieter Scholz dementsprechend als „Glanzpunkt“ der Musiktage angekündigt wurden. Ein solcher Glanzpunkt beim Konzert in der evangelischen Kirche war beispielsweise der Auftritt der Chinesin Yun Wu: Sie hatte den „Sonderpreis für die herausragende Interpretation eines zeitgenössischen Werkes“ erhalten – ein nach 1950 komponiertes Stück gehörte zum Pflicht-
programm des Wettbewerbs. Yun Wu wählte die „Sonate für Viola solo“ von Bernd Alois Zimmermann; auf der Grundlage des Chorals „Gelobet seist du, Jesus Christ“ ist sie geschrieben. Die einzelnen Elemente sind kaleidoskopartig durchleuchtet, und vom Interpreten verlangt Zimmermann, dass er spielt, als sei ihm die Musik gerade erst eingefallen, dass er „hinter jedem Ton eine Welt von Gedanken“ findet. Yun Wu nähert sich diesen Ansprüchen ebenso besonnen wie technisch überzeugend: Sie schafft Räume aus dem Nichts, mit geheimnisvollem Kratzen und Schaben, mit fadenfeinen Flageoletts und runden, schlanken Tönen, die sie je nach Stimmung einfärbt. Mal reißen die Gedanken abrupt ab, mal gleiten sie meditativ durch den Kirchenraum – es gibt laute „Bravos“, und das ist für ein zeitgenössisches Werk nicht gerade an der Tagesordnung.
Insgesamt gab es vier Preisträger (bei 14 Teilnehmern); die jungen Musikerinnen und Musiker sind Studierende der Hochschulen in Baden-Württemberg, Straßburg und Basel. Den dritten Preis erhielt der ebenfalls aus China stammende Siping Wang; er spielte das G-Dur-Konzert von Georg Philipp Telemann, das zum Standard-Repertoire bei Bratschern gehört.
Wang beeindruckt vor allem mit einem schwebenden, weichen „Andante“, mit einer singenden Kadenz, mit seiner Leichtigkeit in den schnellen Sätzen. Dem Konzert D-Dur von Carl Stamitz widmete sich Julien Heichelbech (2. Preis), und weil er bereits als Solo-Bratschist am Orchester des Mannheimer Nationaltheaters engagiert ist, darf er sich – so die treffende Beobachtung von Hans Hachmann – auch als „legitimer Nachfolger“ jenes hochgeschätzten Hofmusikers bezeichnen. Auch in Heichelbechs Vortrag wird der langsame Satz zum Höhlepunkt; hier bewegt er sich auf einer sanften, schmalen Linie, der Satz klingt wie eine leise Klage. Im abschließenden Rondo zeigt er sich gewitzt, meistert auch im „Allegro“ zu Beginn die großen Bögen, wenngleich er sich in den so genannten „Eis- und Schneeregionen“ nicht mit der allerletzten intonatorischen Sicherheit bewegt. Eindeutiger Höhepunkt dieses Satzes ist auch hier die lange, fein gesungene Kadenz.
Der Auftritt der erst 21jährigen Madeleine Przybyl (Foto) lässt keine Wünsche offen. Zuerst nimmt die Siegerin des Wettbewerbs aus den Händen des Künstlers Willi Gilli die Skulptur "Vom Leichten und Schweren" entgegen, dann widmet sie sich kühn und beherzt dem Hofmeister-Konzert. Die zum Teil recht vertrackten Läufe sitzen; da wird jede Note feinstichig herausgearbeitet, hier gelingen luftige Bögen und gleichmäßige Phrasen.
Dass sich die Interpreten hineinstürzen können in die schwungvollen Figuren und in den langsamen Sätzen getrost zurücklehnen – dafür sorgen Sebastian Tewinkel und das Südwestdeutsche Kammerorchester Pforzheim: Sie bekräftigen den Solo-Part und federn ihn ab, sie setzen ihn im richtigen Moment in Szene, ziehen sich sanft zurück oder heizen das Geschehen an.
So trat die Bratsche (unter dem großen Beifall des Publikums) recht eindrucksvoll aus ihrem Schatten heraus.
Hören Sie hier Wettbewerbs-Eindrücke von der Preisträgerin Madeleine Przybyl (MP3):
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