13.10.09
Ein Plädoyer für das Kunstlied
Junge Preisträger des Quasthoff-Wettbewerbs "Das Lied" stellten sich vor


Der Name „Thomas Quasthoff“ ist offensichtlich ein Zugpferd – auch dann, wenn er nicht singt. Ausverkauft war das Festspielhaus bei der Matinee, die den Preisträgern seines Wettbewerbs „Das Lied – International Song Competition“ ein Podium gab: Quasthoff hat ihn ins Leben gerufen, um zu pflegen, was für einen Sänger als höchste aller Künste gilt. Denn jedes Lied ist gewissermaßen ein Miniatur-Drama, es verlangt enorme Ausdrucksfacetten und eine dementsprechend sorgfältige Stimmkultur; es vereint Kammermusik und Oper zugleich. „Ein Liederabend gehört zum Schönsten, Reichsten und Intimsten, was es in der Musik gibt“, schwärmt der Bariton, der selbst ein Ausnahme-Interpret ist, und angesichts des großen Publikums nutzt er gleich die Gunst der Stunde: Er appelliert an kleinere Veranstalter, sie mögen mehr Liederabende auf ihre Programme setzen, und er ermuntert die Zuhörer, diese auch zu besuchen. 

Die Preisträger des Quasthoff-Wettbewerbs "Das Lied"Nicht nur Formsache war deshalb sein Dank: Dieser galt unter anderem den Zuhörern, dafür, dass sie die jungen Menschen „auf ihrem hoffentlich wunderbaren Berufsweg“ ein Stück begleiten, er galt den Mitarbeitern des Wettbewerbs und schließlich seiner Frau, der Leiterin des Pressebüros; sie hatte die Sänger „liebevoll betreut“. „Denn“, so fügt Quasthoff nach einer Pause hin-
zu und grinst dabei schelmisch, „wir sind ja alle kleine Diven – außer mir natürlich“. Raunen und Gelächter kommt von den Rängen, auch als Moderator hat Quasthoff das Publikum offensichtlich im Griff. 

Sympathisch ist dabei vor allem sein aufrichtiges Bemühen um die Nachwuchs-Künstler, sein Verständnis für ihre Nöte kurz vor dem Auftritt: „Hinter der Bühne stehen jetzt Männer, die sehr nervös sind – bitte, seien Sie lieb zu ihnen.“
Aber „lieb“ musste man gar nicht sein. Denn was Sänger und Pianisten (zwei von ihnen sind Preisträger in der Kategorie „Liedbegleitung“) in diesem so anspruchsvollen Genre an Feingespür zu bieten hatten, war beachtlich.

Der (geteilte) dritte Preis ging an Seil Kim (Südkorea), der die Matinee eröffnet: Der 32jährige Tenor führt seine schlanke Stimme ausgewogen durch alle Register; in Hugo Wolfs Goethe-Vertonung „Ganymed“ lässt er die aufwärtsdrängende Melodie behutsam erblühen, und er tut dies staunend, in stiller Bewegung, von seinem großartigen Partner Gary Matthewman stets ins rechte Licht gerückt. Er fügt Schumanns „Ihre Stimme“ eine geheimnisvolle Färbung hinzu, und er legt in Schuberts „Auf der Riesenkoppe“ schließlich „blühende Fluren“ und „schimmernde Städte“ mit einem zart leuchtenden Spitzenton frei. Allerdings führt der große Saal die eher kleine Stimme auch an deutliche Grenzen, und in längeren Zusammenhängen fehlt es ihr an farblichen Möglichkeiten.

Deutlich größere Qualitäten zeigt hier Daniel Schmutzhard, der ebenfalls mit einem dritten Preis ausgezeichnet wurde: Der erst 27jährige Österreicher beherrscht mit seiner bemerkenswerten Ausstrahlung die gesamte Bühne, man spürt seine Erfahrung im Musiktheater; seit 2006 ist er an der Wiener Volksoper engagiert. Sein Vortrag ist packend und direkt; der emotionale Moment, die Klangfarbe (sein Spektrum reicht vom satten Dunkel bis hin zur tenoralen Höhe) sind ihm im Zweifelsfall wichtiger als die perfekt sitzende Stimme, die er dennoch sehr überlegt zu führen weiß: Durch harmonische, fließende Wellenbewegungen (in Schuberts „Auf dem See“), in sprudelnder Übermut („Fischerweise"), durch sämtliche Schattierungen in Richard Strauss' „Traum durch die Dämmerung“, ein Werk, das - auch dank der meisterhaften Klavierbegleitung durch Nikolaus Wagner – zwischen verhangenem Schimmer und klarem Leuchten einen ganz eigenen Zauber entfaltet.

Den zweiten Preis erhielt schließlich der 30jährige Tobias Berndt (ein erster Preis wurde nicht vergeben); der Bariton sammelte im Dresdner Kreuzchor seine ersten Erfahrungen als Sänger. Er verfügt über die edelste Stimmkultur der drei, alles klingt rund, geschmeidig, fast ebenmäßig – bis auf einen einzigen, leicht verunglückten Spitzenton. Staunenswert ist sein perfekter Atem, sein feines Gleiten in Schuberts „Du bist die Ruh“. Er wirkt zunächst zurückhaltender als sein Vorgänger, doch in den beiden Balladen (Schumanns „Belsazar“ nach Heinrich Heine und Wolfs Mörike-Vertonung „Der Feuerreiter“) bricht Dramatik aus ihm heraus, hier zeigt er den langen Atem eines Erzählers: Im Hohn und im Bangen des babylonischen Königs erahnt man bereits das Menetekel, und im „Feuerreiter“ zeichnen Tobias Berndt und Alexander Fleischer (Klavier) das Lodern und Knistern so bildhaft nach, dass einem der Schauer über den Rücken läuft.

Großer Beifall kam von den Rängen; um das Kunstlied muss einem demnach nicht bange sein – und für den nächsten Wettbewerb wünscht sich Quasthoff, „dass dann auch hübsche junge Damen auf dem Podium stehen.“

Foto: Marcus Gernsbeck; Artikel erschienen am 13. 10. 09 im Badischen Tagblatt, www.badisches-tagblatt.de

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