19.10.09
Kompromisslose Leidenschaft
Latica Honda-Rosenberg und Paul Rivinius im Stephansaal in Karlsruhe


Die Bezeichnung „Teufelsgeiger“ umschreibt ein Klischee – weswegen man mit derartigen Attributen sparsam umgehen sollte. Aber wenn man die Geigerin Latica Honda-Rosenberg auf der Bühne erlebt, dann sollte man sich wappnen: Vor den Ausbrüchen, dem hemmungslosen Spiel, den Kontrasten, die bei ihr immer ein wenig schärfer und direkter sind als bei manchen anderen Musikern.
Im Stephansaal eröffnete sie - gemeinsam mit dem fabelhaften Pianisten Paul Rivinius – die neue Saison der Karlsruher Kammermusikfreunde, und wer nun dachte, er könne sich bequem im Stuhl zurücklehnen und in den Klängen von de Falla, Débussy oder Strauss schwelgen - der wurde mit Sicherheit mehr als einmal überfahren von dieser Musizier-Leidenschaft, die Latica Honda-Rosenberg aus dem spontanen Empfinden heraus sofort an ihr Publikum weitergibt.


Latica Honda-Rosenberg Mit Beethovens a-moll-Sonate op. 23 beginnt der Abend, einem Werk, dessen Vitalität dem Spiel-Feuer der jungen Dame offenbar sehr zu Gute kommt.
Leise, fast unmerklich setzt sie
an zum ersten Gedanken. Sie reißt ihn an sich, stürmt davon
mit einer harsch auffahrenden Geste, das Spiel der beiden
kennt keine Kompromisse: Hier wird jede Bewegung, jeder Impuls ausgekostet, als gäbe es die nächste Phrase nicht; hier entsteht Intensität auf engstem Raum. Da ist es eher bedeutungslos, dass im Eifer des Gefechts mancher Ton in der Violine etwas verrutscht.
Angerissene Motive, nach vorne getriebene Dialoge: All das wird hier fast zum Duell, und manchmal fallen sich die beiden so ruppig ins Wort, dass man von dem anschließenden Rückzug, der klanglichen Verschmelzung und den gemeinsam empfundenen kleinsten Regungen völlig überrascht wird. Genau so möchte man diese Sonate hören; mit eben dieser Kraft, diesem inneren Brodeln.

Danach ein Szenenwechsel - die nun folgenden Stücke bilden eine eigene Episode, sie sind sich innerlich verwandt: Das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert färbt die Werke mit dem so genannten „Volkston“, mit Zigeunerweisen, mit Exotismen; die französische und spanische Musik durchdringen sich dabei gegenseitig. Sechs der „Siete canciones populares españolas“ von Manuel de Falla (er ist von Débussy beeinflusst) hat der polnische Geiger Paul Kochanski für Violine und Klavier eingerichtet zu einer "Suite populaire espangol" ; zwar steht der Singstimme eine größere Farbpalette zur Verfügung, um die Klang-Erotik des Flamencos und der maurischen Gesänge auszuloten – doch die Violine hat wiederum ihren eigenen Reiz, und Latica Honda-Rosenberg lässt sich gekonnt ein auf den lasziven Schimmer (den sie durch genüssliche Portamenti noch betont), auf die silbrigen Flageoletts, den zwielichtigen Zauber, der von Paul Rivinius ebenso gekonnt nachempfunden wird. Man staunt über die klangliche Nähe, die Wachsamkeit zwischen beiden Instrumenten – Rivinius ist nicht nur ein Partner, der alles vorauszuahnen scheint, sondern ein ebenso wichtiger Impulsgeber.

Claude Débussy verbindet in seiner Violinsonate Elemente der Zigeunermusik mit Anklängen an die französische Barockmusik zur Zeit Rameaus; eine unterschwellige Unruhe treibt sie an, und auch hier wird man überrascht durch wilde Ausbrüche und leise Rückzüge, durch ein inneres Drängen, das im zweiten Satz durch derbe Komik, durch plumpes Aufstampfen plötzlich aufgehellt wird. Einige Zitate mischen sich darunter, man hört Anklänge an das Mendelssohn-Konzert. Und während die Geige singt oder pochend insistiert, während sie dahingleitet in weichen, gehauchten Klängen, wird sie vom Klavier mit einem meisterhaften Feingespür aufgefangen. Im dritten Satz schließlich meldet sich die Violine nicht nur leise und verhalten zu Wort – nein, sie scheint dem zarten Flimmern des Klaviers förmlich aufzulauern, um dann, nach harmlosem Beginn, in kreisenden Bewegungen abrupt dreinzufahren.

Was sich zwischen den beiden Musikern abspielt, ist immer ein wenig impulsiver, zugespitzter, direkter als gewohnt: Da sind Dvoraks romantische Stücke op. 75 (schlichte, melodische Werke) geradezu wohltuend, und mit ihrem liedhaften Charakter wirken sie zudem neutralisierend vor der abschließenden Strauss-Sonate. Nur manchmal hört man auch in diesen Stücken dieses aufgewühlte Vorwärtstreiben, daneben aber vor allem einen gertenschlanken Violin-Gesang, dessen Farbe vom Klavier in geradezu betörender Weise getroffen wird: Hier zelebriert man die feinen, die leisen Töne.

Die Sonate Es-Dur op. 18 von Richard Strauss fasst alle Eindrücke des Abends gewissermaßen zusammen, und ihre überbordende Phantasie, ihre ständigen Farb- und Szenenwechsel tun ein Übriges: Da schwingt man sich gemeinsam auf, fordernd und mit Nachdruck; man triumphiert, man lässt die Farben aquarellartig verschwimmen. Mal bricht das Klavier gewitzt unter der Geige hervor, dann man lehnt sich aneinander, jagt zum Schluss wild und entfesselt davon  - und lässt die Zuhörer mit einem nachhaltigen Eindruck zurück. 



Anzeige:



zurück zur Hauptseite

zurück zu "Kritik"



Links zum Thema

Karlsruher Kammermusikfreunde

Latica Honda-Rosenberg


© Pamina Magazin, Redaktion, Impressum