09.11.09
Jenseits der ausgetretenen Pfade
Star-Sopranistin Renée Fleming mit unkonventionellem Liederabend im Festspielhaus Baden-Baden


Allein mit den Zugaben hätte sie ohne weiteres eine Programmhälfte bestreiten können. Und dabei hatte Renée Fleming -  gleichermaßen Klang-Fetischistin wie Ausnahme-Interpretin - dem Publikum im Festspielhaus zuvor nicht gerade leichte Kost geboten.

Man denkt an andere Stars, die sich in großen Gala-Abenden und gefälligen Liedprogrammen ergehen. Renée Fleming jedoch nutzt ihre Popularität, um ihrem Publikum seltene Lieder von Olivier Messiaen zu erschließen, dazu Vertonungen des Franzosen Henri Dutilleux und des amerikanischen Jazz-Pianisten Brad Mehldau, die eigens für sie geschrieben wurden – und danach wollten die Zuhörer die sympathische Amerikanerin beinahe nicht mehr vom Podium lassen. Mit stehenden Ovationen bedankten sie sich für anderthalb Stunden geschliffene Vokalkunst. 

Renee Fleming im FestspielhausMan müsse alles mit leichten Hän-
den nehmen und anfassen: So lautet ein Satz der Marschallin aus dem Rosenkavalier, eine von Flemings Paraderollen. Sie habe, so gesteht
die Sängerin, fast geweint über die-
sen Satz, und wenn man sie erlebt, dann hat man unwillkürlich den Eindruck, dass dies auch das Credo für ihren Gesang sein könnte. Denn dieser geschmeidige Wohlklang, die sprudelnde Expressivität und vor al-
lem die Spitzentöne, die klingen, als seien sie nicht von dieser Welt: all das kommt mit einer technischen Mühelosigkeit und Eleganz, wie sie selten zu finden ist. Dabei hat sie mit Maciej Pikulski einen fabelhaften Pianisten an ihrer Seite, der die entscheidenden Farbtupfer setzt und den vokalen Linien im richtigen Moment die entsprechenden Wendungen gibt.

Renée Fleming widmet sich zunächst fünf Liedern aus Olivier Messiaens Zyklus „Poèmes pour Mi“: Es sind Frühwerke aus den Dreißiger Jahren; eine religiös durchdrungene Erotik, die noch impressionistische Züge trägt, die sich aber in kühnen, völlig neuartigen Klängen und schillernden Farbmischungen auffächert.

Sie entfaltet die Lieder in einem fast schwebenden, angehaltenen Klang, der bis zur Unwirklichkeit verschwimmt („L’ épouse“), dann wieder in spritzigen Gesten, in erregten Passagen, die so munter perlen, dass man hier unwillkürlich den durch Vogelstimmen inspirierten Komponisten heraushört (“Ta voix“). Das Klavier folgt ihr in einem wendigen, zart aushauchenden Gesäusel.
Sie breitet die Phrasen auf einem schier endlosen Atem („Prière exaucée“), sie steigert sich langsam und eindringlich zu gleißenden Höhen.

Stilistisch fast bruchlos ist der Übergang zu den Liedern von Henri Dutilleux aus "Le temps l' horloge" (in der deutschen Erstaufführung), welche der 93Jährige erst in jüngster Zeit schrieb, nachdem sich Komponist und Interpretin in Paris kennen gelernt hatten. Die Vertonungen (unter anderem von Jean Tardieu) sind, ähnlich dem Rosenkavalier, eine Auseinandersetzung mit den Themen Zeit und Vergänglichkeit, wie Renée Fleming in ihren charmanten Zwischenmoderationen betont. Später, in Mehldaus Liedern nach dem „Stundenbuch“ von Rainer Maria Rilke, wird sie das Sujet erneut aufgreifen.

Zentral in den Dutilleux-Liedern ist „La Masque“ - eine Gegenüberstellung zwischen erzählender Person und einer toten, Jahrtausende alten Maske. Auf dem Lied lastet eine reizvolle Schwere, die durch die Tiefe der Bassfigur und die langsam aufsteigende Linie geschärft wird, bis sich schließlich alles in einer heftigen, fast übersteigerten Deklamation auflöst.

Mit ihrem üppig-samtenen Timbre, dessen Farben vom dunklen Brustklang bis hin zu hellen Höhenregistern reichen, verströmt Fleming anschließend die Klang-Erotik des Jugendstils wie ein schweres, süßes Parfüm. In den Strauss-Liedern „Verführung“ und „Freundliche Vision“ entfalten sich betörende Bögen, ein sehnsuchtsvolles Flimmern, zarte Erzählungen. Nur die „Zueignung“ fällt ein wenig aus diesem Spannungsbogen heraus, hier wirkt Fleming vergleichsweise verhalten und distanziert.

Brad Mehldaus Gesänge auf der Grundlage der freien Rilke-Übersetzungen ergänzen dieses Programm, das jedoch zweifellos seinen Höhepunkt in der ersten Hälfte hat. Die Lieder lassen an einigen Passagen aufhorchen durch ihre Zugespitztheit; sie wirken bisweilen neckisch, spielerisch und bestechen durch Ausbrüche und lautmalerische Gesten, etwa durch dumpfes Bassgrollen im Klavier, das sich plötzlich leisen tonartlichen Wendungen hingibt.

Die Zugaben, unter anderem von Leoncavallo (aus dessen weitgehend unbekannter „Bohème“), von Puccini („O mio babbino caro“) und nochmals Strauss (das fast schon populäre „Cäcilie“), wirken schließlich, als wolle sich Renée Fleming für die gespannte Offenheit angesichts dieses ungewöhnlichen Repertoires nun mit „Stücken fürs Publikum“ bedanken.
Lobenswert, wenn sich Künstler in dieser Art für die zeitgenössische Musik einsetzen.
(Foto: Andrea Kremper)



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