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16.11.09
Hitzige Debatten
Das Bennewitz-Quartett spielte sich in Bruchsal in wahren Gefühlsrausch
Reichlich abgedroschen ist die treffende Beobachtung Goethes, wonach es sich bei einem Streichquartett um ein Gespräch zwischen vier vernünftigen Personen handelt. Doch wenn man das Prager Bennewitz-Quartett (Gewinner des Borciani-Wettbewerbs 2008) erlebt, dann hat man unwillkürlich dieses Bild vor Augen: Hier wird nicht einfach nur musiziert, hier wird leidenschaftlich debattiert - was zur Folge hat, dass man in der Hitze des Gefechts gelegentlich auch mal schroff reagiert und das, was man zu sagen hat, nicht ganz formvollendet (sprich: mit dem letzten klanglichen Feinschliff) vorträgt. Das heißt aber auch, dass die Musik so klingt, als würden sich die vier Gesprächsteilnehmer im Moment des Spiels damit auseinander setzen – nämlich vollkommen direkt und ungefiltert - und genau das machte auch den Reiz dieses Ensembles beim Schlosskonzert in Bruchsal aus.
Schon das Quartett von Joseph Haydn (op. 20 Nr. 3) hat diese ungeheure Innenspannung, allein durch die Tonart g-moll, die der damaligen Lehre entsprechend für dramatische Entwicklungen und scharfe Kontraste steht. Bereits die ersten Töne des Kopfsatzes drängen stark vorwärts; stellenweise wirkt es, als würden die Unterstimmen durch den Impuls der ersten Violine aufgeschreckt. Man zögert, fragt nach, lässt sich schließlich auf die Diskussion ein; man umspielt sich gegenseitig oder entwickelt die Gedanken des anderen fort. Im zweiten Satz finden Jiri Nemecek, Stepan Jezek (Violinen), Jiri Pinkas (Viola) und Stepan Dolezal (Violoncello) zu einem weichen Erzählton, und das "Poco adagio" ziehen sie anschließend so straff, das sich diese geballte Energie am Ende zwangsläufig in flammenden Gesten entladen muss.
Noch schärfer sind die Kontraste in Janaceks erstem Streichquartett; hier werden die großen Gefühlsausbrüche geradezu bildhaft und konkret, denn das Werk mit dem Beinamen "Kreutzersonate" bezieht sich auf eine Novelle von Leo Tolstoi, die um das ergiebige Thema "Ehebruch" kreist.
Der Hörer wird mitten ins Geschehen hinein gezogen; besonders hier kommt den vier Musikern ihre Direktheit und Zugespitztheit zu Gute, sie lassen ihr Publikum gewissermaßen durchs Schlüsselloch schauen. Und so erfährt man am eigenen Leib, wie auf beiden Seiten die Emotionen hoch kochen. Schroffe Einwürfe erschüttern die Szenerie gleich zu Beginn, doch es strömt auch Wärme und Größe durch alle Stimmen - und der Rest ist dann ein Wechselbad aus wildem Umherflirren, aus geheimnisvollem Stegspiel, aus Unruhe und Besänftigung. Einen Moment lang wirkt es gar, als wollten zweite Geige und Viola verzweifelt gegen eine unerbittliche Härte ansingen.
In solchen Augenblicken verdichtet sich das so genannte "Liebesmotiv", wird Verführung thematisiert und Eifersucht vorausgeahnt - bis schließlich gegen Ende die Krise über die Beteiligten hereinbricht, welche das Bennewitz-Quartett mit einem brodelnden Hexenkessel zum Ausdruck bringt.
Danach liegt die Messlatte allerdings hoch: Beethovens Streichquartett op. 15 a-moll op. 132 ist ein Meisterwerk, das seine Kraft unter anderem in der Tiefe (in den Unterstimmen) entwickelt und durch den Impuls der ersten Geige angestoßen wird; auf dem Höhepunkt - dem "Heiligen Dankgesang eines Genesenden an die Gottheit" im dritten Satz (vorausgegegangen war bei Beethoven eine ernsthafte Erkrankung) - wird das Werk von einer intensiven, meditativen Ruhe getragen. Für derartige Spannungsmomente braucht ein Ensemble außer temperamentvollen Ausbrüchen und zum Zerreißen angespannten Linien noch ganz andere Zwischentöne in seiner Ausdrucksskala, und hier wurde das Bennewitz-Quartett dem hohen Anspruch nicht ganz gerecht. Zwar gerät der Kopfsatz rasant in Bewegung und wird auf eine reizvolle Art stellenweise wieder angehalten - doch der erwähnte Dankgesang wirkt insgesamt statisch, es ist eine Ruhe, die nicht unbedingt zu einem Ziel führt, und die Kontraste zwischen sakraler Andacht und aufblühendem Andante (überschrieben mit "neue Kraft fühlend"), die Steigerung zwischen den einzelnen Choralabschnitten - all das ist beim Bennewitz-Quartett durchaus noch entwicklungsfähig. Dennoch: Das Publikum dankte für soviel packenden Zugriff im Laufe des gesamten Abends, und die vier Musiker beschlossen ihr Konzert mit Beethovens "Cavatina" aus op. 130.
(Das Konzert ist am 07.12. um 20.03 im SWR2-Abendkonzert zu hören.)
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