21.11.09
Erschütternde Wanderschaft
Schuberts "Winterreise" gab es zum Jubiläum des Liedduos Begemann-Seyboldt gleich zweimal


Musik zwischen Todessehnsucht und Erstarrung, sachte aufgebrochen durch behutsame Rückblenden; Musik, die erschüttert, ohne zu jammern, und die bildhaft nachzeichnet, ohne dabei plakativ zu wirken.

Hans Christoph Begemann und Thomas SeyboldtSeit 20 Jahren arbeiten der Pia-
nist Thomas Seyboldt und der Bariton Hans Christoph Bege-
mann als Liedduo zusammen – eine Reifezeit, die lange genug
ist, um dem Publikum ein Werk anzubieten, an dem sich Musik-
schaffende oftmals abarbeiten: Schuberts Winterreise ist ergie-
biges und beliebtes Examens-
thema; für so manchen Sänger
ist sie eine Lebensaufgabe.
Dieses Meisterwerk der Frühromantik gab es im Ettlinger Schloss nun gleich zweimal, sozusagen im Jubiläums-Abonnement: Zunächst als ausführliches Gesprächskonzert - zur Vorbereitung auf den darauf folgenden Liederabend. Eine schöne Idee, denn dieses Werk muss man mehrmals gehört haben, damit sich Schuberts Genius erschließt, damit man die Schönheiten und die wunderbaren Einfälle einigermaßen vollständig wahrnimmt.

In Schuberts Freundeskreis lösten die ersten 12 Vertonungen der Gedichte von Wilhelm Müller allerdings zunächst Befremden aus. Franz von Schober bemerkte, von all diesen zumeist düsteren Liedern habe ihm nur der „Lindenbaum“ gefallen – bezeichnenderweise ist dies auch bis heute das populärste, was auch an der volkstümlichen Fassung von Friedrich Silcher liegen dürfte.

In Schuberts Winterreise wird der Hörer nach und nach zum Begleiter des Erzählers, der ziellos durch die Winternacht wandert; den Glauben an Heimat und Geborgenheit hat er längst verloren. 
Thomas Seyboldt und Hans Christoph Begemann führen ihr Publikum behutsam an die Geschichte heran, und dankenswerterweise haben sie sich für eine Fassung entschieden, in der das Tonartenverhältnis gewahrt bleibt. Die ersten Lieder interpretieren sie kommentarlos; so bekommen die Zuhörer (im Publikum sind auch viele Schülerinnen und Schüler) einen ersten Höreindruck. Erst dann nehmen die beiden Künstler den Zyklus unter genau die Lupe: „Die Winterreise beginnt mit verhaltenen Akkorden des Klaviers, sie klingen wie schwere, müde Schritte“, erläutert Thomas Seyboldt den Anfang des Lieds „Fremd bin ich eingezogen“. Und: „Das Klavier gibt hier die Marschrichtung vor, der Sänger greift nur auf“. Dem lyrischen Ich fehlt es an Kraft, an Initiative.
In der anschließenden „Wetterfahne“ klingt die Musik wild und unheilverkündend, denn der Wind spielt nicht nur mit der Fahne auf dem Dach, sondern auch mit den Herzen, und hier erfährt man nun zum ersten Mal den Grund für diese Winterreise, für diese grundsätzliche Absage an das Leben: Im Haus wohnt die „reiche Braut“ – seine Geliebte, die sich (und das entspricht auch Schuberts eigener Lebenserfahrung) für einen finanziell besser gestellten Mann entschieden hat.

Das Wandern wird fortan zum Zwang, und wo ein Anflug von schöner Erinnerung und heilem Leben aufleuchtet, da wird diese Illusion sofort durch scharfe Dissonanzen oder unerbittliches Moll zerstört. In der „letzten Hoffnung“ – eher ein Ausdruck völliger Orientierungslosigkeit – scheint Schubert die Töne wahllos hinzutupfen (sinnbildlich: die tanzenden Blätter im Wind), er lässt den Hörer über Taktzahlen und den entsprechenden Rhythmus völlig im Ungewissen. „Ich weiß als Sänger hier nie, wo ich einsetzen muss“, gesteht Hans Christoph Begemann und erntet spontane Lacher. „Aber das ist eben die neue Freiheit in der Musik, wir schreiben immerhin das Jahr 1827, Beethoven ist gerade gestorben.“

Beim Thema „Freiheit“ denkt man unwillkürlich auch an die politische Dimension der Winterreise. Thomas Seyboldt weist dazu auf die Choralstimme des Lieds „Im Dorfe“ hin, denn: „Ein Choral hat immer etwas Endgültiges, Festgefügtes.“ Die geschlossene Dorfgemeinschaft wird damit zur Chiffre für die erstarrte Gesellschaft.

Bereits in diesem Gesprächskonzert merkt man, wie sehr die Winterreise den beiden Musikern in Fleisch und Blut übergegangen sein muss. Denn ein solcher Vortrag stellt die Interpreten vor besondere Herausforderungen: Man muss – völlig aus dem Zusammenhang heraus – an den entsprechenden Stellen sofort auf den Punkt kommen, man muss ohne Vorbereitung genau wissen, worin die Aussagekraft der entsprechenden Passagen besteht.
Und weil die beiden hier bereits Lust auf den gesamten Liederabend machen, ist es nur folgerichtig, dass die Erwartungen am nächsten Abend mehr als erfüllt werden: So liegt dem ersten Lied bereits ein unheilvolles Pochen zu Grunde, das einen ewigen, trostlosen Kreislauf ankündigt. Es gelingen wunderbare Zwischentöne aus Widerwillen, aus leisen und zarten Rückzügen, aus verschwimmenden, verschleiernden (und damit illusionären) Bildern. Man hört leidenschaftliche Ausbrüche, man hört Zeilen wie: „Schnee, du weißt von meinem Sehnen, sag wohin doch geht dein Lauf?“ Und dabei sieht man einen Protagonisten vor sich, der keine Fragen, keine Ansprüche mehr an das Leben stellt  - und der erschreckt zurückweicht, als er im Fluss sein Bild erkennt.

So nehmen die beiden Musiker ihr Publikum vom ersten Ton an gefangen: Hans Christoph Begemann mit seinem geschmeidigen Bariton, der vom feinsten Piano bis hin zum unvermittelten, tiefen Aufschrei immer kultiviert und wie aus einem Guss klingt; Thomas Seyboldt mit dem entsprechenden Impuls, mit jenen Färbungen, die rasche Gedankenwechsel ankündigen oder die der Singstimme vertiefen.
Als im abschließenden „Leiermann“ schließlich alles Schwere abfällt und die Musik dennoch hineingleitet in einen unerbittlichen Sog, und als Thomas Seyboldt dann dem Schlusston Raum gibt, als sei dies ein ewiger Nachhall eines letzten, verzweifelten Aufschreis – da wartet das Publikum nur darauf, endlich (mit stehenden Ovationen!) applaudieren zu dürfen.



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