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22.11.09
Entertainer im besten Sinn
Thomas Quasthoff erhält "Herbert von Karajan Musikpreis" im Festspielhaus Baden-Baden
Er war das Fundament an diesem Abend. Keinen Star-Auftritt zur Verleihung des "Herbert von Karajan Musikpreises" sah man im Festspielhaus, dafür aber einen Bassbariton in einer tragenden Rolle innerhalb eines vierstimmigen Ensembles - gewohnt kraftvoll in der Darbietung. Bei den Liebesliederwalzern von Johannes Brahms (zu hören in der originalen Fassung für vier Singstimmen und Klavier zu vier Händen) sangen an der Seite von Thomas Quasthoff außerdem die Mezzosopranistin Bernarda Fink und der Tenor Michael Schade, dazu die junge Sopranistin Sylvia Schwartz, die unter anderem bei Quasthoff ihr Konzertexamen ablegte und die schon allein aufgrund ihrer Stimmlage öfter im Fokus stand als der Preisträger selbst.
Das entspricht allerdings ganz seiner Herzensangelegenheit: Junge Musi-
ker zu fördern, ihnen ein Podium zu verschaffen und sie für ein Genre zu begeistern, in dem er selbst zur Weltklasse gehört - nämlich dem Kunstlied. So ist es nur folgerichtig, dass Thomas Quasthoff das für die Nachwuchsförderung zweckgebun-
dene Preisgeld in Höhe von 50 000 Euro dem Wettbewerb „Das Lied/ International Song Competition Berlin“ zur Verfügung stellt, den er selbst ins Leben gerufen hat. In der Zeit zwischen den Wettbewerben (die Ausscheidungen finden alle zwei Jahre statt) sollen künftig Künstler-Kollegen an einer Akademie mit den jungen Sängern und Pianisten arbeiten.
„Die Auzeichnung ist ein Zeichen der Dankbarkeit“, kommentierte Senator Horst Weitzmann (Vorsitzender des Stiftungsvorstandes) die Entscheidung des Kuratoriums der Kulturstiftung Festspielhaus. Der Preis, in diesem Jahr zum siebten Mal vergeben, geht an Künstler, die dem Haus eine besondere Note verleihen, wie beispielsweise Star-Geigerin Anne-Sophie Mutter oder Valery Gergiev: Beide hielten dem Spielbetrieb in den schwierigen Anfangsjahren die Treue, und Thomas Quasthoff, so Weitzmann, habe mit Schuberts „Winterreise“ im Jahr 2003 für einen „unvergessenen Moment“ gesorgt.
An solche Momente - in diesem Fall Momente des gemeinsamen Musizierens - erinnerte auch Quasthoffs Freund und langjähri-
ger Weggefährte Helmuth Rilling, der Gründer und Leiter der Gächinger Kantorei, in einer sehr persönlichen und wunderbar unvergeistigten Laudatio: Quasthoffs Stimme verfüge über außergewöhnliche Farben, eine „energische, kraftvolle Höhe und eine wunderbare Tiefe“; besonders sei ihm eine Passage in Haydns „Schöpfung“ in Erinnerung, wo er anstelle eines hohen ein tiefes „d“ gesungen habe – und er bedeutete Quasthoff, dies doch bitte jetzt gleich einmal vorzuführen. Rilling erinnerte an eine „verhaltene Hintergründigkeit“ in Bachs Matthäus-Passion, darüber hinaus aber auch an wundervolle Momente voller Humor: Zum Beispiel bei einem Abendessen in einem Leverkusener Hotel; tags zuvor hatten die beiden den Prado in Madrid besucht und waren fasziniert von Goyas Gemälden, und nun, beim Verzehr eines „Strammen Max“ kamen sie zu der Erkenntnis, dass Goya hieraus seine Inspiration gezogen haben muss. Dann verwies Rilling auf die letzten Zeilen des Goethe-Gedichts „Zum Schluss“, das auch die Neuen Liebeslieder op. 65 beschließt: „Aber Linderung kommt einzig, ihr Guten, von euch“. Gemeint sind die Musen, und Rilling meinte insbesondere Quasthoffs Liedgesang, der ihm persönlich in derselben Weise wertvoll geworden ist. Zudem zeichne es einen Künstler zusätzlich aus, wenn er den Wunsch habe, sein ganzes Wissen und seine Erfahrung an junge Musiker weiter zu geben.
In seiner kurzen, aber bewegenden Dankesrede erinnerte Thomas Quasthoff zunächst daran, dass sein Lebensweg in dieser Weise ohne die Unterstützung seiner Eltern nicht möglich gewesen wäre. „Auch wenn es in solchen Momenten kitschig klingt: Es ist mir wichtig, das zu erwähnen“. Sein Dank galt außerdem Andreas Mölich-Zebhauser, dem Intendanten des Festspielhauses, „ohne den ich ebenfalls nicht hier stünde“, und schließlich seiner Frau, „die mit viel Humor und Gelassenheit sowohl mich als auch meinen Beruf erträgt“.
Humor – das schien auch das Credo für die Lieddarbietungen zu sein. Die gepflegte Abendunterhaltung beginnt schon, als sich die vier anfangs die Noten zurechtlegen und dies ein paar Minuten dauert: „Das ist nicht von Loriot, das gehört zum Programm“. Thomas Quasthoff versteht sich als Entertainer im besten, im vielfältigsten Sinn. Seine wenigen Solo-Passagen in den Brahms-Liedern (vorweg gibt es Duette von Robert Schumann) reichen aus um zu untermauern, was seine Kunst ausmacht: Mit einer geradezu verblüffend schlichten Art das Größtmögliche auszudrücken. Das führt unweigerlich dazu, dass Quasthoff allein durch seine Art der Darstellung aus dem Quartett heraussticht, obwohl er sich ansonsten ganz selbstverständlich in dieses Ensemble einfügt.
Die Liebesliederwalzer op. 52 (nach Texten von Georg Friedrich Daumer) und deren Fortsetzung in den „Neuen Liebesliedern“ op. 65 sind Stücke für den häuslichen Salon, und Brahms bemerkte hierzu: „Übrigens möchte ich doch riskieren, ein Esel zu heißen, wenn unsere Liebeslieder nicht einigen Leuten Freude machen.“ Wie richtig er damit lag, beweist die Tatsache, dass ohne dieses Repertoire fast kein Chor auskommt. Diese Lieder beschreiben die Liebe in all ihren Facetten; die vier Sänger boten gemeinsam mit ihren umsichtigen Pianisten Malcolm Martineau und Justus Zeyen die seltene, intime Fassung dieser Lieder. Sie setzen Farbtupfer aus geheimnisvoller Verschwörung, aus Ironie und Überzeichnung, aus Klage, Schwärmerei und Sehnsucht. Sie preschen giftig und geschwätzig nach vorne („Nein, es ist nicht auszukommen mit den Leuten“), bisweilen garstig und wütend („alles, alles in den Wind sagst du mir, du Schmeichler“), sie schließen andächtig und respektvoll („Nun, ihr Musen, genug!), und drücken damit gleichsam ihren Respekt vor jenen Künsten aus, in deren Dienst sie sich Abend für Abend stellen.
Das Publikum hingegen hatte keineswegs genug, und so gab es lange Ovationen für den Preisträger, für seine Kollegen und insgesamt für einen ungewöhnlich heiteren Abend.
(Fotos: Kaemper (1), Andrea Kremper (2) )
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