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23.11.09
Gelungene Bilder und technische Brillanz
Großer Jubel für "Schwanensee" am Badischen Staatstheater
Es überwiegt der Respekt vor der Tradition, vor dem Erbe von Marius Petipa und Lew Iwanow aus dem Jahr 1895 – und trotzdem trägt Christopher Wheeldons „Schwanensee“ die Handschrift eines jungen Choreographen, der sich offensichtlich nicht damit zufrieden gibt, die Gegenpole aus bösem Zauber und erlösender Liebe unhinterfragt stehen zu lassen. Im Jahr 2004 hat er die Produktion mit dem Pennsylvania Ballet herausgebracht, nun erlebte sie am Badischen Staatstheater Karlsruhe ihre deutsche Erstaufführung.
So verlegt der 36jährige Brite sein Stück in den Alltag einer Ballett-
compagnie – und zwar in die Pariser Oper etwa während der
Belle Epoque, jener verklärten
Zeit der Bohemièns, der Gönner und der Kunstmäzene. Es ist die Zeit, in der „Schwanensee“ entstanden ist, und es ist auch
die Zeit, in der Edgar Degas sei-
ne Genre-Bilder schuf, die heutzutage Postkarten und Kunstdrucke zieren.
Wheeldon macht diese Zeit lebendig; Figuren und Kostüme (Jean-Marc Puissant) scheinen bis ins letzte Detail der „Tanzklasse“ von Degas entsprungen zu sein. Er ist zugleich selbstbewusst und begabt genug, diesen Historismus zum Ausgangspunkt zu nehmen, ohne dass die Aufführung deshalb angestaubt wirkt.
Denn dafür haben die Szenen zuviel Tempo, zu viele sportliche Höhepunkte (die Formationen der Schwäne beispielsweise sind raffiniert und anspruchsvoll, wirken deshalb ungewöhnlich filigran). Sechs Jahre ließ Ballettdirektorin Birgit Keil ihr Ensemble reifen; das Zusammenspiel zwischen Choreographie und dem technischen Niveau der gesamten Compagnie (Einstudierung: Tamara Hadley) erwies sich als Glücksfall.
Wheeldons Ideen funktionieren deshalb, weil er zwei Handlungen miteinander verknüpft: Beim Anblick der schwarz gekleideten Herren auf den Degas´schen Bildern (Mäzene, die sich den Tänzerinnen zum Teil unsittlich näherten und zu den Proberäu-
men der Pariser Opéra unbegrenzten Zugang hatten) zog er Parallelen zum Zauberer Rotbart, der seine Schwanen-
mädchen fest im Griff hat, und so spielt sich die Geschichte auch auf zwei Ebenen ab: In der äußeren Realität, wo man erst an der Produktion feilt und nach der Aufführung dann die Gönner mit Pariser Cabaret unterhält - und in der Phantasie des Prinzen, wo sich die Bilderwelt des Sees mit seinen verzauberten Schwänen entfaltet.
Das geschieht umso intensiver, je mehr die Produktion Gestalt annimmt, je mehr sich der erste Solist mit der Rolle des Prinzen identifiziert, bis am Ende beide Ebenen miteinander verschwimmen: Im farbenfrohen dritten Akt (die Kostüme sind hier an die Bilder von Henri de Toulouse-Lautrec angelehnt) feiert man einerseits die Aufführung, andererseits wird hier die erste Solistin plötzlich zu Odile, die den Prinzen verführt. Durch diese Verquickung ergibt sich im Kopf des Zuschauers unwillkürlich noch eine dritte Ebene: Von diesem Zeitpunkt an könnte es sich ebenso um die unmittelbare Erinnerung des Prinzen handeln, der während der Premierenfeier nochmals über die Aufführung sinniert. Spätestens hier verliert man völlig das Gefühl für zeitliche Dimensionen.
Dass sich das meiste im Kopf
des Prinzen abspielt, wird vor allem an den Raumverhältnissen (Bühne: Adrianne Lobel) deutlich. Als sich im zweiten Akt die großen französischen Türen heben, tut sich dahinter nicht et-
wa eine zauberhafte Märchen-
welt auf (dies mag manchen Zuschauer möglicherweise enttäuscht haben), sondern der See wird nur an den Kulissenwänden angedeutet; al-
les bleibt jedoch in den Katego-
rien des Ballettsaals, dessen zentraler Spiegel gewissermaßen das Tor zur Phantasiewelt öffnet.
Auch technisch bewegt sich die Aufführung auf allerhöchstem Niveau. Die Sprünge, die Flavio Salamanka zeigt, sind kraftvoll; zugleich verkörpert er glaubwürdig den phantasiebegabten, sensiblen Tänzer und Prinzen. Ausgesprochen grandios ist zudem die Leistung der jungen Rafaelle Queiroz: Die Doppelrolle der Odette/Odile gehört zu den technisch schwierigsten; die Brasilianerin jedoch tanzt sie mühelos und ebenmäßig, und darüber hinaus gelingt es ihr, völlig selbstverständlich zwischen Unschuld und hintergründiger Verführung hin und her zu wechseln. Ebenso ausgereift ist das Ensemble der kleinen Schwäne (Jussara Fonseca, Natalya Hovhannisyan, Maughan Jemesen und Moeka Katsuki).
Markus Bieringer und die Badische Staatskapelle liefern eine dramatisch packende Interpretation der (gekürzten) Musik von Tschaikowsky; nur manchmal geht diese Dramatik auf Kosten des runden Wohlklangs. Perfekt hingegen das Zusammenspiel zwischen Bühne (Pas de Deux) und der Solo-Violine (Janos Ecseghy).
Bei dieser Produktion erlebt man seltene Glücksmomente, in denen wirklich alles zusammenpasst.
(Fotos: Jochen Klenk)
Hinweis: Die Aufführungen sind bis Februar ausverkauft; Karten gibt es nur noch für den 25.12. Aktuelle Informationen entnehmen Sie bitte dem neben stehenden Link.
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