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27.11.09
Mitten aus dem Leben
Wie das Carmina-Quartett im Karlsruher Stephanssaal begeisterte
Wer im Kammermusiksaal nicht nur die gepflegte Abendunterhaltung sucht, sondern gelegentlich aufgerüttelt werden will, und wer bekannte Werke einmal so hören möchte, wie er sie unter Umständen noch nie gehört hat - der sollte sich den Namen "Carmina Quartett" merken. Bedauerlich ist nur, dass das Schweizer Ensemble im Stephanssaal Karlsruhe vor beinahe leeren Reihen spielte.
Matthias Enderle, Susanne Frank (Violinen), Wendy Champney (Viola) und Stephan Goerner (Violoncello) eröffnen den Abend mit Haydns Streichquartett C-Dur op. 76, besser bekannt unter dem Namen "Kaiserquartett": Zwei, drei Takte brauchen sie, bis sie sich gefunden haben – dann aber wird schnell klar, dass man von diesem Ensemble Außergewöhnliches zu erwarten hat. Man spürt es schon beim ersten Motiv und denkt an andere Interpretationen, die zwar gepflegt und elegant, dafür aber meist auch distanziert klingen.
Das Carmina Quartett fasst hingegen mitten hinein in das wechselvolle Haydnsche Material, gewissermaßen hinein in die Erde, in die lebendigen Kulturen: Hier wird tief gegraben, frei gelegt und beleuchtet, hier wächst alles auseinander heraus; zum Beispiel ein beherzter Impuls des Cellos aus der allgemeinen Leichtigkeit, eine schlanke, elegant geführte Linie aus einer eher derben, tänzerischen Passage. Alles klingt hier noch ein wenig farbiger, geschärfter, plastischer als bei manchem anderen Ensemble.
Der zweite Satz, das „Poco adagio cantabile“, wird zum durchsichtigen Variationssatz; hier hört man Linien, die man sonst selten wahrnimmt. Nicht etwa staatstragend gedehnt klingt hier das Thema des „Deutschlandliedes“ – der ursprünglichen Kaiserhymne – sondern vielmehr hat es den Schwung eines lebendigen Erzähltons. Der Finalsatz wird mit knappen, präzisen Strichen gezeichnet; wiederum sticht hier das Cello heraus, das sich mit Feuer in die rasanten Figuren wirft.
Wer hier noch nicht mit erhöhtem Pulsschlag vorne an der Stuhlkante sitzt, der tut es spätestens in Mendelssohns f-moll-Quartett op. 80. Diese Musik ist so aufwühlend wie die vorangegangenen Ereignisse im Leben des Komponisten: Schwindende Kräfte, Krankheiten, Tod der Schwester Fanny machten ihm zu schaffen. Das ganze Stück trägt eine merkwürdig graue Färbung; meist ist der Ton rauh, geräuschhaft, manchmal klirrt er fast - die Struktur dahinter ist äußerst bewegt, und nichts ist berechenbar: Ein ewiges, unheilvolles Brodeln - ein Unwetter, das sich in allen Stimmen zusammenbraut, aber zwischendurch gibt es immer wieder Passagen, die aufhorchen lassen, weil sie ein ganz besonderes Licht auf die gesamte Szene werfen: Ein klammernder Violinton, der wie ein Aufschrei klingt, und darunter, in den Mittelstimmen, bebt die Erde. Dann eine aufsteigende Cello-Linie, die plötzlich so beruhigt und besänftigt in ihrer eigenen Welt lebt, als ginge sie der Rest nichts an, was eine reizvolle Doppelbödigkeit ergibt.
Im "Adagio" fällt alle Erregung plötzlich ab; dennoch aber tritt keine wirkliche Beruhigung ein, dazu ist - selbst in diesen weichen Phrasen - die vorangegangene Erschütterung noch zu sehr gegenwärtig. Unter dem sanften, fahlen Schimmer am Ende des Satzes bricht im Finale dann auch sofort wieder die kompromisslose Dramatik des gesamten Werkes durch - und bereits zur Pause gibt es laute Bravos.
Das Quartett g-moll op. 10 von Claude Débussy ist dessen einziges Werk für diese Gattung; es beschließt seine frühe Schaffensperiode, das Meisterwerk "Pelleas et Mélisande" hatte der Komponist bereits in Arbeit.
Viele Einflüsse findet man hier, unter anderem auch den von César Franck - und so durchfließt ein Kernthema, das immer wieder abgewandelt wird, dieses changierende Werk: Auch hier also ein feines, von allen Seiten beleuchtetes Geflecht; mal eine Melodie, sich emporschraubt, dann schwungvolle, von Pizzicati getragene Gedankenwechsel, und Einwürfe, die bestehende Gedanken angreifen. Man lauscht gebannt dem sinnierenden Cello, dem sanften Streicherteppich, den schimmernden Flageoletts, schließlich dem dramatisch zugespitzten Finale. Mit der Zugabe, die das Publikum lautstark fordert, besänftigt das Ensemble gewissermaßen die aufgewühlte Stimmung: Das "Andante cantabile" aus Mozarts "Dissonanzenquartett" setzt den Schlusspunkt unter ein Konzert der Sonderklasse.
(Foto: Denon)
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