18.12.09
Gefühls-Verwirrung hinter bröckelnder Fassade
Zur B-Premiere "Cosi fan tutte" am Badischen Staatstheater


Cosi fan tutte, Badisches StaatstheaterIn der Liebe soll man sich keine Illusionen machen. Weder sind Frauen engelsgleiche Wesen, die sich durch nichts und niemanden von der Treue abhalten
lassen, noch sind die von ihnen angebeteten Männer die Einzigen, für die es sich überhaupt zu lieben lohnt: Dieser Ansicht sind Don Alfonso, Drahtzieher in Mozarts „Cosi fan tutte“ und die pragmatische, wandelbare Despina, die mehr oder weniger unbewusst zu seiner Handlangerin wird, um genau diesen Umstand zu beweisen. Die quirlige Kammerzofe im Hause der unbedarften Schwestern Fiordiligi und Dorabella ist mit allen Wassern gewaschen; ihre Verkleidungen, je nach Bedarf als Arzt oder Notar, sind nur äußere Anzeichen für eine Gefühlswelt, die innerhalb kürzester Zeit gehörig aus den Fugen gerät: Kaum sind die Verlobten außer Reichweite, da stellt sich bei den Mädchen – von Despina auf den Geschmack gebracht - die Erkenntnis ein, dass die vermeintlichen Albaner immer noch besser sind als gar keine Männer. Und während Guglielmo und Ferrando wütend dabei zusehen müssen, wie die Schwestern nach und nach den Verführungskünsten des jeweils anderen erliegen und die beiden Männer gewissermaßen mit sich selbst betrogen werden, da bleibt am Ende nur die nüchterne Erkenntnis: „So machen es alle“.

Cosi fan tutte, Badisches StaatstheaterReichlich viel Umsturz und Gefühls-Wirrwarr vollzieht sich bei Mozart und da Ponte, mal in schnellen Presto-Figuren und quirliger Ungeduld, in naiver Neugier auf das Leben, von dem man noch nichts weiß – was später, bei der ersten Erschütterung, unweigerlich in große Wehmut und Melancholie umschlagen muss.

Das Idealbild ist Fassade, und diese Fassade bröckelt: Heruntergekommen wirken die Wände, die Säulen und Flügeltüren in der Interpretation von Generalintendant Achim Thorwald, der die Oper am Badischen Staatstheater in Szene setzte. Eine Kulisse (Christian Floeren), die in der Entstehungszeit des Werks (1790) angesiedelt ist und gleichzeitig aufgemischt wird durch Szenen aus modernem Urlaubsflair: Adrett sitzen Fiordiligi und Dorabella im kurzen Sommerkleid und weißen Hosen (Kostüme: Doris Hersmann) in ihren Liegestühlen und lesen Frauenzeitschriften, das Ganze unter einem allzu blauen Himmel: Ein plakatives Postkartenidyll, von Anfang an verquickt mit der Idee, dass ein naives Liebes- und Treueverständnis für die Frau, die mitten im Leben steht, eben doch nicht passt. Einige wenige Handgriffe - mehr ist nicht nötig, um die Verhältnisse von vorne herein klar abzustecken. Achim Thorwald hält sich wohltuend zurück und lässt ansonsten der hellen, heiteren Komödie ihren Lauf; er greift nur hin und wieder ein mit leichten Anspielungen: Beispielsweise tragen die beiden Schwestern nach dem Weggang ihrer Männer anfänglich Trauer; Dorabella jedoch, von beiden Schwestern am leichtesten verführbar, tut dies bereits im Kleinen Schwarzen. Die sehnsüchtigen Momente, in denen die Zeit still zu stehen scheint – etwa in der Abschiedsszene im ersten Akt – sind köstlich überzeichnet: Allzu künstlich ist die Attitüde der beiden Männer, allzu dramatisierend tragen die Frauen dabei ihre Trauer zur Schau: Es ist völlig klar, dass diese großen Gefühle durch konkrete Erfahrungen erschüttert werden müssen, anfangs begleitet durch Zögern und schlechtes Gewissen bei den Frauen.

Badisches Staatstheater, Cosi fan tutteEs gelingt den vier Darstellern großartig, die jeweiligen Charakternuancen ihrer Figuren nachzuzeichnen: Christina Niessen bleibt als Fiordiligi lange standhaft
in einer Welt verhaftet, in der eiser-
ne Grundsätze gelten, und genau-
so fest und überzeugend singt sie auch ihre Felsen-Arie ("Come scoglio immoto resta"): Nur manchmal wünscht man sich für die feinen musikalischen Linien von ihr etwas mehr stimmliche Flexibilität, mehr klangliche Geschlossenheit: Etwas zu gewaltsam wuchtet sie ihren großformatigen Sopran in die entsprechende Spur; erst zum Ende der Oper wirkt ihr Gesang weicher, biegsamer.  
Tamara Gura lässt als Dorabella diesbezüglich keine Wünsche offen: Der straff geführte, farbige, schlank sitzende Mezzosopran kommt ebenso leicht und selbstverständlich wie Dorabellas Lust, sich in der Liebe auf Veränderungen einzulassen.

Ebenso überzeugend die beiden Herren: Christian Miedl verkörpert als kantiger Guglielmo das Klischee des selbstverliebten männlichen Eroberers, während Jung-Heyk Cho dessen feinfühliges, sensibles Pendant darstellt: Nur gelegentlich scheint sein geschmeidiger Tenor leicht zu schwächeln, klingt in extremen Lagen etwas angestrengt.

Knorrig und herrlich komisch ist auch Luiz Molz als Don Alfonso, der als lebenserfahrener Regisseur dieser Komödie nicht einfach nur eine Intrige anzettelt, sondern dem Realitätssinn der Beteiligten lediglich ein wenig auf die Sprünge helfen will. Einen zwiespältigen Eindruck hinterlässt dagegen Tiny Peters als Despina: Aufgedreht plappert sie sich durch die Partie, ganz die pfiffige Zofe, die nie still steht, sondern sich den jeweiligen Gegebenheiten bestens anpasst - doch in ihren Arien wünscht man sich mehr Farbe, mehr Klangsubstanz.

Leichtfüßig und quirlig, mit Finesse, Spritzigkeit und feinen wehmütigen Trübungen in den Kantilenen agieren indessen Jochem Hochstenbach und die Badische Staatskapelle (Hammerklavier: Hendrik Haas), und nach dreieinhalb Stunden voller Verwechslungen und temporeicher Komik fühlt man sich als Zuschauer bestens unterhalten.
(Fotos/A-Premiere: Jacqueline Krause-Burberg)



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