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17.01.10
Energische Deklamation in weichem Klang
Das Prager Wihan Quartett spielte im Stephansaal in Karlsruhe
Das Prager Wihan Quartett hat sich vor allem um das Repertoire seiner tschechischen Heimat verdient gemacht – und so hörte das Publikum beim Konzert der „Karlsruher Kammermusikfreunde“ unter anderem ein kaum bekanntes, weil selten gespieltes Werk: Smetanas Streichquartett d-moll, eingerahmt von Mozart und Dvorak.
Auffallend ist die Anordnung der Musiker (Leos Cepicky und Jan Schulmeister, Violinen, Jiri Zigmund, Viola, und Ales Kasprik, Violoncello) auf der Bühne des Stephansaals: Der Cellist sitzt in der Mitte, der Bratschist sitzt dem ersten Geiger gegenüber. Das ist einer der Gründe für das ausgewogene Klangbild des Ensembles, für die durchweg warmen, gedeckten Farben: Fragt man nach der Besonderheit des Quartetts, so fällt einem vor allem dieser samtig-grundierte Ton ein.
Doch diesen Ton verbinden die vier zusätzlich mit einem sehr direkten Ausdruck: Hier wird impulsiv agiert, nicht sorgfältig abgewogen – das macht das Spiel des Wihan Quartetts so attraktiv.
Mozarts d-moll-Quartett (KV 421) aus dem Jahr 1783 gehört zu jenen sechs Quartetten, die Joseph Haydn gewidmet sind. Es hat eine unterschwellige Nervosität, eine enorme Oberflächenspannung: Inneres Brodeln und schroffe Ausbrüche durchziehen das gesamte Werk, und das kommt dem sprechenden Ausdruck des Wihan-Quartetts sehr zu Gute.
Die vier sind sofort dicht am Klang, jeder lauert wachsam auf die Äußerungen des anderen. Sie agieren behutsam, energisch, schmeichelnd – und dann plötzlich wie aufgeschreckt. Der schimmernde Ton im heiter-tänzerischen Violinsolo des Menuetts ist buchstäblich ein Lichtblick, denn ansonsten überwiegen Schroffheit und scharfe Kontraste.
Einen ähnlichen Charakter hat auch Smetanas zweites Streichquartett. Das erste trägt den Untertitel „Aus meinem Leben“, und weil ebenso das zweite diese schicksalhaften Züge aufweist und der Komponist das Werk inzwischen unter vollständiger Taubheit schrieb, wird es als Fortsetzung der musikalischen Rückschau angesehen.
Der Ton im beginnenden Allegro ist markant, wird dann sofort weich, melodisch – doch von da an zieht sich der Satz zusammen, wechselt abrupt seine Stimmungen: Nie breitet sich die Musik wirklich aus, vielmehr zerfällt sie über den ständigen Umschwüngen.
Im zweiten Satz geben sich die vier Musiker ganz einer kurzen, aber intensiven Entschleunigung hin, lassen sich dann geradezu hineinfallen in die Erregung des dritten Satzes, und sie führen diese Leidenschaft hin zur abrupten Wendung im Finale, das mit einer aufgehellten Stretta endet.
Auch Dvoraks As-Dur-Quartett (op.105) hat diese schroffen Züge, die den ganzen Abend kennzeichnen. Ruppig und energisch wird hier agiert, dann wiederum weich und erzählerisch.
Doch hinter dem musikantischen Eifer bleibt die Präzision manchmal ein wenig zurück; man wünscht sich stellenweise etwas mehr Genauigkeit im Zusammenspiel, auch mehr Intonationssicherheit, und in der ersten Geige schleichen sich bisweilen kleine Unsauberheiten ein.
Den ehrlichen Empfindungen tut dies allerdings keinen Abbruch. Ruhevoll fließt der dritte Satz, mit viel anschwellender Energie, und er fließt gegen Ende in einen stillen, versöhnlichen Ausklang. Emphatisch ist schließlich das Finale, atemlos wirft man sich hier die Bälle zu, wiederum an der Grenze zur Schroffheit - so, als gelte es, sich hier (emotional) noch einmal zu verausgaben: Zwei Zugaben erklatschten sich die Zuhörer, und die sympathischen Musiker bedankten sich nicht nur mit guten Wünschen fürs neue Jahr, sondern auch mit zwei Capricen von Paganini.
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