|
|
|
|
  |
01.02.10
Geglättete Rauschzustände
Zur Premiere "Elektra" bei den Winterfestspielen in Baden-Baden
Sie waren die Stars des Abends: Christian Thielemann und die Münchner Philharmoniker verschmolzen bei der „Elektra“-Premiere in Baden-Baden zu einer solchen Einheit, dass man ihnen die Querelen und Unstimmigkeiten der vergangenen Monate kaum abnehmen wollte.
Bruchlos und geschmeidig, wie es sein Markenzeichen ist, formte Thielemann die Partitur von Richard Strauss - ein Werk, das mit kühnen Abgründen in Hoffmannsthals Schilderung von psychischen Extremzuständen geradezu hineinzwingt.
Betörendes spielt sich ab zwischen übersteigertem Hass, Angstzuständen und Traumatisierungen, zwischen Königsmord und Rache im anti-
ken Mythos - ein Stoff, der wie geschaffen ist für das Theater im Zeitalter der beginnenden Psychoanalyse. So viele menschliche Untiefen brauchen einen archaischen, bewegungsarmen Kontrast. In der Inszenierung des verstorbenen Herbert Wernicke aus dem Jahr 1997 (Einstudierung: Bettina Göschl) entwickeln sich Elektras Mordgelüste vor einer dunklen, eindimensionalen Palastwand, sie können sich auf engstem Raum verdichten. Nur an wenigen Stellen kippt die Wand; dort wird der Bühnenraum gezielt aufgebrochen und mit leuchtendem Rot und Blau geflutet. Die Musik von Richard Strauss wird durch Wernickes Licht- und Bühnenkunst geradezu kanalysiert und begleitet umso mehr die Leuchtkraft der Orchesterfarben: Hell und fokussiert ist tendenziell der Klang bei den Münchnern; flimmernd legt er sich wie eine Corona um die Singstimme, als Elektra in einer Halluszination ihren toten Vater beschwört. Süffig und samtig, und wenn nötig auch mit ekstatischer Wucht ergießt er sich in sämtlichen Gefühlsaufwallungen: In dem Moment, als der fremde Bote sich als Orest zu erkennen gibt, schließlich in Elektras aufgeheizter Schlussapotheose. Thielemann und die Münchner Philharmoniker schildern Unheilvolles wie ein Wetterleuchten am Horizont, sie kommentieren, scheinen feinfühlig vorauszuahnen, was ins Bewusstsein der handelnden Personen erst noch dringen muss.
Und dennoch: So viel geglättete Perfektion überdeckt Misstöne
und Dissonanzen; soviel musikalische Bruchlosigkeit steht der Zerrissenheit der Personen eigentlich eher entgegen. Hinzu kommt das Leistungsgefälle bei den Sängern: Zwar meistert Linda Watson in ihrem Rollendebüt die Partie der Titelheldin mit beeindruckender Kraft, doch der Stimme fehlt es an Fokus, meist klingt sie stumpf, anfänglich in den hohen Lagen gar gepresst. Jane Henschel als Klytämnestra - Mörderin und zugleich Opfer ihrer Angstzustände - agiert glutvoll, aber dabei eine Spur zu komödiantisch.
Sängerisch sticht hingegen Manuela Uhl hervor; von 1995 an gehörte die Sopranstin zum Ensemble des Badischen Staatstheaters, seit 2006 ist sie an der Deutschen Oper Berlin engagiert. Strahlkräftig und makellos führt sie ihre Stimme durch die Partie der Chrysothemis; wenngleich es auch hier einige Abstriche gibt: Etwas zu kühl, zu vordergründig ist der Ausdruck jener Person, die eigentlich Idylle und Familienglück herbeisehnen und im krassen Gegensatz zur Titelfigur stehen sollte. Solide und mit kernigem Bass-Bariton singt Albert Dohmen seinen Orest, und bemerkenswert ist auch der Kurzauftritt des inzwischen 72jährigen René Kollo (Aegisth), obwohl die stimmlichen Verschleißerscheinungen an einigen Stellen deutlich zu hören sind.
Ein rauschhaftes Bühnenereignis also, das in vielen Momenten gefangen nimmt, dabei aber auch manche Wünsche offen lässt.
(Fotos: Andrea Kremper; weitere Termine: Heute, 01.02., und Donnerstag, 04.02., 20 Uhr)
zurück zur Hauptseite
zurück zu "Kritik"

|
|
|
|
|