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02.02.10
Kindhafte Launen und schwebende Linien
Sebastian Klinger und Milana Chernyavksa im Festspielhaus Baden-Baden
Bei den Sonntags-Matineen im Festspielhaus Baden-Baden stößt man auf manche hörenswerte Entdeckung: Dazu gehört beispielsweise Sebastian Klinger, erster Solo-Cellist im Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, dem Mariss Jansons „unbeschränkte technische und musikalische Fähigkeiten“ bescheinigt.
Gemeinsam mit der Pianistin Milana Chernyavska, derzeit gefragte Kammermusik-Partnerin, gab er nun dem Baden-Badener Publikum (das sich angesichts des Schneetreibens dennoch verhältnismäßig zahlreich einfand) einen umfassenden Einblick in diese Fähigkeiten.
Leichtfüßig und erzählerisch beginnen die beiden, mit Beet-
hovens Variationen über „Ein Mädchen oder Weibchen“ aus der „Zauberflöte“: In Mozarts Sing-
spiel tragen die Glöckchen den verzagten Papageno durch die misslichen Umstände, und Beethoven gewinnt ihnen zwölf verschiedene Färbungen ab. Das Klavier übernimmt den Part des Glockenspiels, das Cello lässt sich mitreißen von den kindhaften Launen. Und so leidet und schmunzelt man mit dem Vogelfänger, als Sebastian Klinger und Milana Chernyavska diese Variationen in Angriff nehmen. Das Klavier agiert hellwach, silbrig, präsent – so, als wolle es den missmutigen Papageno immer wieder aufrütteln und zum Durchhalten animieren, während das Cello erst einmal leidenschaftlich gestikuliert, dann zögert, verstummt, schließlich ins Schwärmen gerät und zärtlich neckt.
Bereits hier staunt man über die Möglichkeiten des jungen Cellisten: Diesen klaren, konzentrierten Ton, diese Zielgenauigkeit, diesen kristallinen Klang, der dennoch alle Trübungen und Wendungen behutsam in sich aufnimmt. Besonders kommt dies anschließend in Débussys d-moll-Sonate zur Geltung: Ein Werk, das ständig zwischen den Tonarten schwankt. Es zeigt Markanz und Festigkeit, verliert sich im Nachlauschen erscheint dann im eigentümlichen Licht der Kirchentonarten. Der zweite Satz klingt ein wenig spröde, ein wenig zerrissen in seinen Pizzicati; ironisch sollen sie anmuten, diese spanischen Habanera-Rhythmen, deren Klänge an Gitarren und Mandolinen erinnern.
Zum Schluss dann ein zerklüftetes Werk, mit dem zweiten Satz als sinnlichen Ruhepol: Die F-Dur-Sonate op. 99 von Johannes Brahms hat eine gespannte Unruhe; in beiden Instrumenten kreist sie um ein Thema, nie scheint sie sich selbst zu finden. Klinger und Chernyavska schaffen eine düstere Schwere, eine ständige Aufruhr, die sich in einem unheimlich anmutenden Tremolo bündelt. Dann der völlige Kontrast: Weich tropfen die Cello-Pizzicati am Beginn des „Adagio affettuoso“, und dann spielt sich allerlei Faszinierendes ab: Bei Klinger schwebt jede Linie, schwingt jeder Phrasenschluss - aber dennoch: von oberflächlicher Leichtigkeit keine Spur. Der Schluss-Satz federt, perlt, und das Publikum ist begeistert, darf in der zugegebenen „Vocalise“ von Rachmaninov schließlich noch Klingers Fähigkeit zur sanglichen Melancholie genießen.
(Foto: wildundleise.de Georg Thum)
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