05.02.10
Feine Stimmungsbilder und viel Ironie
Der Dichter Richard Dehmel in Liedern und Texten


An Richard Dehmel schieden sich seinerzeit die Geister. Für Frank Wedekind war er der „größte deutsche Dichter“; hingegen hatte Julius Otto Bierbaum im Wesentlichen nur Spott für den Dichterkollegen übrig.
Keine Frage: Dehmels Gedichte waren Sprengstoff für die bürgerlichen Konventionen. Seine erotischen Darstellungen brachten ihm sogar einen handfesten Skandal ein: „Venus Consolatrix“ - erschienen im Gedichtband „Weib und Welt“ (1896) und ähnlich aufreizend wie Gustav Klimts "Danae" - sorgte für eine gerichtliche Verurteilung wegen „Verletzung religiöser und sittlicher Gefühle“. Den Dichter machte dies allerdings auf einen Schlag berühmt.

Roman Trekel, Bruno Ganz, Oliver Pohl im Theater Baden_BadenAls „schwülstig, schwül und dekadent“ bezeichnet man im allgemeinen seine Texte, auch
als „mystisch-brünstig“ - und da-
mit ist Dehmel ein typischer Vertreter des Jugendstils; er wäre heute wahrscheinlich nahezu vergessen, hätten seine Texte nicht beispielsweise Arnold Schönberg zu wunderbaren Stimmungs-
bildern angeregt.

Reizvoll war deshalb das Konzept, musikalischen Farbenreichtum und sprachliche Emphase nebeneinander zu stellen: Zum zweiten Mal gab es im Rahmen der Winterfestspiele eine musikalisch-literarische Soiree im Theater Baden-Baden; diesmal mit dem Bariton Roman Trekel und dem Pianisten Oliver Pohl – und für die delikate Aufgabe, mit geschärftem Blick hinter die Dehmel-Texte zu blicken, war an diesem Abend der großartige Bruno Ganz zuständig.

Zwei der „Acht frühen Lieder“ von Anton Webern, dazu Schönbergs „Warnung“ umrahmen das Venus-Gedicht. Dieses wird damit eingebunden in eine verhangene, jedoch nüchtern in Musik gesetzte Atmosphäre („Tief von fern“), und anschließend setzt Schönbergs musikalische Karikatur dem berüchtigten Text sofort eine herzhafte Komik entgegen. Hier wirken Worte und Töne ausgesprochen feinsinnig zusammen, erst recht in jenem Moment, als dem Strauss-Lied „Befreit“ die „Offenherzige Erklärung“ Dehmels folgt, in der sich der Dichter über seinen eigenes Werk äußert.

Bruno Ganz bewegt sich elegant und geradlinig durch die weit ausschweifenden Texte; er entlarvt sie, lenkt den Blick auf Details, er versieht sie dabei hintergründig mit Ironie, und, wenn er es für angebracht hält, auch mit kleineren Anmerkungen.
Und weil es sich angesichts der laufenden „Elektra“ -Produktion anbot, wurde der Dehmel-Abend noch ergänzt durch einen als „Werkstattgespräch“ angelegten Briefwechsel zwischen Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal – mit Seitenhieben auf das Wiener Publikum.

Roman Trekel und Oliver Pohl gelang es daneben meisterhaft, die Ideen von gespenstischer Nachtvision oder schlichter Innigkeit zu bebildern. Einen besonders nachhaltigen Eindruck hinterlässt dabei die „Stille Stadt“ – sowohl in der Vertonung von Ludwig Thuille als auch von Jean Sibelius: Matt und trostlos einerseits, dann wiederum mit Gesangslinien, die sich wie feine Schlieren über die Klavierstimme legen, mit dem betörenden Reiz des Unwirklichen: Begeisterter Beifall für drei großartige Künstler.
(Foto: Marcus Gernsbeck)


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