05.02.10
Klar und kompromisslos
Maurizio Pollini begeistert im Festspielhaus Baden-Baden


Noch nie zuvor gastierte Maurizio Pollini im Festspielhaus Baden-Baden – doch längst überfällig war ein Besuch des 68jährigen, der vor 50 Jahren den Warschauer Chopin-Wettbewerb gewann. Dass sich gerade er nun den beiden diesjährigen Jubilaren Schumann und Chopin annahm, war ausgesprochen glücklich – denn die Lesart Pollinis sucht seinesgleichen. Umjubelt war dementsprechend sein großartiger Auftritt.

Maurizio Pollini im Festspielhaus Baden-BadenSchumanns f-moll-Sonate op. 14 (gespielt wurde die erste gedruckte Fassung) ist ein zerklüftetes Werk, vor Leidenschaft hin- und her-
gerissen, und diese Leidenschaft kennt bei Pollini keinerlei Halbherzigkeiten. Die wilden Bassfiguren, die zum Zerreißen angespannten Bögen – sie überkommen den Pianisten geradezu wie Fieberschübe.

Alles ist durchzuckt von Impulsen. Maurizio Pollini scheint sich mit jeder Note verausgaben zu wollen; der Klang ist durchweg fokussiert, kommt messerscharf wie ein Laserstrahl – und dennoch ohne jene unangenehme Härte, die bei weniger herausragenden Pianisten schon nach einigen Takten keine Entwicklungsmöglichkeiten mehr zulässt. In der Fähigkeit, kompromisslos und dennoch (oder vielmehr: deshalb?) ausgesprochen differenziert zu spielen, zeigt sich seine Größe. Hier gibt es kein Vertuschen durch allzu großes Schwelgen im Klang; hier gibt es nur klare, direkte Aussagen.
Und im Anschluss dann das zarte, nach innen gekehrte „Andantino de Clara Wieck“; gegen Ende wird es mit einem Akkord zerschlagen, der wie ein Fallbeil kommt – und scheint dann endgültig zu resignieren.  

Pollinis klarer Ausdruckskraft ist es zu verdanken, dass auch die anschließende C-Dur-Fantasie op. 17 klingt wie ein einziges Taumeln und Umherstolpern. Gerade dadurch offenbart der Pianist die ganze innere Erschöpfung und Widersprüchlichkeit des Werks, und vor diesem Hintergrund bleibt nur Ehrfurcht angesichts des Schlusssatzes, der „langsam getragen,“ und „durchweg leise zu halten“ ist:  Hier scheint Pollini plötzlich in die Ferne zu entschwinden, er taucht ein in eine völlig andere Welt.

Diese zart-lyrischen Stimmungsumschwünge faszinieren immer wieder, auch in Chopins h-moll-Scherzo: Zuvor hat sich Pollini wie ein Getriebener dem „Presto con fuoco“ hingegeben, hat die Läufe gehetzt und gejagt – und dennoch hat er Konturen geschaffen, die alles zu Tage fördern. 

Vor der abschließenden b-moll-Sonate verschafft er seinem (ungewohnt hustenfreien) Publikum ein wenig Raum mit den feinfühlig-federnden und manchmal zart melancholischen Mazurken op. 33, bis er dann nochmals zum Gipfelsturm ansetzt – und im Trauermarsch wiederum für ein kleines Wunder sorgt. Man erwartet diesen Marsch eigentlich völlig mechanisch, doch Pollini verleiht der Erschütterung Nachdruck, indem er den Satz durch ein unterschwelligen Legato ausdehnt, ohne dabei den pochenden Rhythmus zu verlieren. Wie ein zarter Lichtstrahl bricht dann plötzlich der Des-Dur-Mittelteil in die Düsternis hinein, und man fragt sich: Wo nimmt Pollini nach all dem Stürmen und Aufbrausen plötzlich solche überirdischen Klänge her?
Der letzte Satz enteilt in einem einzigen Brodeln; eigentlich scheint dieses Finale weder Form und noch Ziel zu haben - doch Pollini schafft auch hier Klarheit, überwindet Gegensätze, wie schon den gesamten Abend über.
Das Publikum applaudiert dem großen Pianisten im Stehen, lässt ihn erst nach drei Zugaben (wiederum Chopin) von der Bühne.
(Foto: Andrea Kremper)



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