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07.02.10
Rauschhafter Bilderbogen
Mitreißende "Fazil-Say-Nacht" im Festspielhaus beim Galakonzert des Freundeskreises
Dem „Freundeskreis Festspielhaus“ ist es unter anderem zu verdanken, dass Baden-Badens Musentempel längst durchweg in der ersten Liga spielt, was die Auswahl seiner Künstler angeht – und zudem sein Programm stetig erweitert. Dementsprechend ist es dem Intendanten des Festspielhauses, Andreas Mölich-Zebhauser, jedes Mal ein Anliegen, den Mitgliedern des Freundeskreises im Rahmen des alljährlichen Gala-Konzerts für ihre Arbeit und Unterstützung zu danken – und diesmal präsentierte er seinem Publikum im fast ausverkauften Haus eine der schillerndsten Persönlichkeiten, die der Klassik-Markt derzeit zu bieten hat: Den türkischen Pianisten und Komponisten Fazil Say.
Fast könnte man meinen, es falle mittlerweile schwer, angesichts des ganzjährigen Spielbetriebs
auf höchstem Niveau dem Gala-Konzert noch eine besondere Facette abzugewinnen. Doch das Allround-Talent Say muss man gehört und gesehen haben – er verbindet verschiedene Genres und Kulturen mit einer faszinierenden Leichtigkeit; er spielt schelmisch mit dem Material, das er unter die Finger bekommt, aber immer so, dass man stets den ernsthaften Musiker hinter dieser Maske erkennt. Ihm zur Seite stand an diesem Abend das ebenso vielseitige Mahler Chamber Orchestra, unter der Leitung des estnischen Dirigenten Kristjan Järvi.
Ein Künstlergespräch lockert den Abend zusätzlich auf. Andreas Mölich-Zebhauser plaudert mit Fazil Say über „Silk Road“ (Seidenstraße), sein zweites Klavierkonzert. Man erfährt, dass sich Say von den Landschaften und Volksweisen seines eigenen und des asiatischen Kulturraums inspirieren ließ, und dass der auf einer Empore platzierte Kontrabass (den man möglicherweise sonst gar nicht wahrgenommen hätte) die ganze Zeit über ein „Cis“ spielt, was die Erdfrequenz andeuten soll, die alles verbindet.
Ein chinesischer Gong trennt die einzelnen Bilder: Ein Gemurmel im Klavier, Geplätscher in den Streichern, und dann steigert sich das Werk zu aufbrausenden Klang-Gesten, verliert sich in einem zarten Nachgesang. Dabei dämpft Fazil Say zwischendurch die Klaviersaiten ab, und die Streicher arbeiten mit dem Holz ihrer Bögen: Exotische Klänge, die fernöstliche Zupf- und Rhythmus-Instrumente umschreiben.
Bestens ins dieses Programm passen Ouvertüre und Suite aus Leonard Bernsteins „Candide“, ein Bühnenstück, das sich nicht nur gekonnt zwischen den Sparten Opernparodie, Operette und Musical bewegt, sondern das den Titelhelden ebenfalls durch sämtliche Kulturen führt: von Westfalen über Lissabon nach Südamerika, schließlich nach Konstantinopel.
Und so spielt sich auch das Mahler Chamber Orchestra in einen Rausch von Farben und feuriger Komik, es schwelgt im Walzerseligkeit und süßlichen Streicherklängen.
Bei Gershwins „Rhapsodie in Blue“ ist dann auch Fazil Say wieder in seinem Element: Er spielt eigenwillig, zugespitzt; er umschmeichelt das Orchester, zerdehnt manche Passagen genüsslich, um dann im nächsten Moment wie entfesselt loszudonnern – immer im Wettstreit mit den gedämpften Blechbläsern, die quäkend und näselnd ihre Kommentare einstreuen.
Diese Rhapsodie scheint in Ravels G-Dur-Klavierkonzert immer wieder blitzartig aufzuleuchten; ein Amerika-Aufenthalt regte den Komponisten dazu an, auch mit den Klängen des Jazz zu experimentieren, die er wiederum mit den baskischen und spanischen Elementen verbindet – auch dieses Konzert ist ein einziger Bilderbogen, das im zweiten Satz seinen Höhepunkt hat: Hier zeigt Fazil Say eine ganz andere, träumerische Seite, hier entspinnt er einen zarten Dialog mit den Holzbläsern.
Und weil sich Ravels Konzert der Form nach an Mozart anlehnt, war es nur folgerichtig, auch Mozart ins Programm zu nehmen: An diesem Abend war irgendwie alles mit allem verschränkt. Denn Fazil Says Liebe zum Jazz und zur Improvisation – all das war auch im D-Dur-Konzert KV 537 („Krönungskonzert“) hörbar. Die Ideen scheinen spontan aus ihm herauszusprudeln, ungestüm und unkontrolliert, manchmal auch überzeichnet: Fazil Say, der das Orchester nun selbst vom Klavier aus leitet, wirkt wie ein spielfreudiges Kind, und ein bisschen ist es so, als säße hier Mozart persönlich am Klavier und treibe seine Späße – was er wohl zur hinreißend komischen Jazz-Adaption seines Rondos „alla turca“ (aus der A-Dur-Sonate KV 331) gesagt hätte, die Say als Zugabe spielt?
Das Publikum, das den vielseitigen Künstler mehrmals auf die Bühne klatschte, hielt sich jedenfalls vor Begeisterung kaum noch auf den Sitzen: Das war Abendunterhaltung von Feinsten.
(Foto: Marcus Gernsbeck)
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