08.02.10
Erzählungen mit dem Cello
Jean-Guihen Queyras mit einem Solo-Abend im Bruchsaler Schloss


Dort, wo sonst der Flügel im Kammermusiksaal des Bruchsaler Schlosses steht, da stand an diesem Abend nur ein Stuhl. Und man dachte unwillkürlich an einen Darsteller in einem Ein-Personen-Stück, der hier in wenigen Minuten Platz nehmen würde, um leidenschaftlich zu deklamieren, zu reflektieren, ganz einzutauchen in seine dramatischen Monologe.
Und in der Tat – ein bisschen war es so, als der französische, in Kanada geborene Cellist Jean-Guihen Queyras das Podium betrat, um sich den Suiten von Bach und Britten, einer Sonate und Miniatur-Stücken von Sandor Veress und György Kurtág zu widmen.
Hinzu kommt, dass der sympathische Künstler auch noch leidenschaftlich gerne über die einzelnen Werke erzählt, und das kommt den Hörern gerade im zeitgenössischen Repertoire sehr zu Gute.

Jean-Guihen QueyrasBachs Cello-Suiten Nr. 1 und 3 bilden den festen Rahmen für dieses Pro-
gramm. Wie fortschreitende Lehrstücke wirken die Suiten; schon vor Bach schrieben einige wenige Komponisten Solowerke für Violoncello, doch in die-
sen Suiten werden in großem Umfang sämtliche Möglichkeiten des neuartigen viersaitigen Instruments ausgelotet.
Es sind schwingende, plastische Gedanken, die Queyras hier anstößt – und diese Plastizität ist nicht zuletzt auch dem runden, samtenen Klang seines Instruments von Gioffredo Cappa aus dem Jahr 1696 zu verdanken. Queyras gestikuliert in Phrasen, sein Spiel nimmt sofort an Fahrt auf. Dann hält er plötzlich inne, er entschleunigt, scheint über das eben Gesagte nochmals genauer nachdenken zu wollen. Markant arbeitet er die tänzerischen Rhythmen heraus, um dann plötzlich ganz leise einen anderen Gedanken oder gar einen Einwand entgegenzusetzen. Lauscht man den Suiten, so ist es, als habe Queyras hier eine ganze Diskussionsrunde heraufbeschworen.

An diese Werke lehnt sich auch Benjamin Britten: Widmungsträger seiner Suiten ist der russische Cellist Rostropovich; auf seine brillante Technik sind die Stücke ausgerichtet, und in der formalen Anlage scheint das barocke Vorbild durch. Queyras spielt die zweite Suite D-Dur, leidenschaftlich deklamierend, bruchlos, eloquent - und zuvor lenkt er das Ohr der Zuhörer auf einige Besonderheiten: auf den zweiten Satz beispielsweise, der als dreistimmige Fuge so geschickt komponiert ist, dass keine zwei Töne gleichzeitig erklingen; auf den Trauermarsch-Rhythmus im vierten Satz, begleitet von einer verhangenen Melodielinie, oder auf die ostinate Bassfigur in der abschließenden "Ciaccona" – und dazu spielt Queyras zunächst der Anschaulichkeit halber ein paar Töne des D-Dur-Kanons von Pachelbel.
Bildhaft sind die Erläuterungen des Cellisten; so auch die Einführungen beispielsweise in die Sonate des ungarischen Komponisten Sandor Veress aus dem Jahr 1970: Unerbittlich beharrt der „männliche“ Part auf seinem Standpunkt, das „weibliche“ Thema wirkt besonnener, „das scheint die vernünftigere Person zu sein“, sagt Queyras: Lachen und Applaus beim weiblichen Publikum; dann hört man, wie beide Stimmen sich gegenseitig reizen, wie ein Monolog leise besänftigt, wie sich im Epilog plötzlich eine Stimme herauslöst und sich in schmeichelnden Glissandi verliert.

Ähnlich deklamatorisch sind auch die fünf Stücke von György Kurtág: In ihren Impulsen orientieren sie sich an der ungarischen Sprache – überhaupt hat man bei diesem bemerkenswerten Interpreten den Eindruck, man müsse sich erst mit der Sprache eines Landes beschäftigt haben, um die Musik angemessen spielen zu können.
Diese fünf Stücke sind wirkungsvolle und auf den Punkt gebrachte Gedanken; die Stimmen fahren grob auf und reißen plötzlich ab, sie schimmern und leuchten, verlieren sich im Nichts oder insistieren in harschen Sprüngen, sie werden zerdehnt in Schleifgeräuschen oder scheinen plötzlich aufzustöhnen.

Der Applaus ist so herzlich, wie man es bei derartigem Repertoire selten erlebt – und allein das spricht für die Qualitäten des Künstlers.


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