09.02.10
Familie als Gefängniszelle
Zur derzeitigen Produktion "I Masnadieri (Die Räuber)" am Badischen Staatstheater


Nein, es gibt kein Entrinnen. Wie Voyeure blicken die Zuschauer ins Innere einer Familie, der Keimzelle der Gesellschaft, die in diesem Drama allerdings eher einer Gefängniszelle gleicht.
Derzeit steht am Badischen Staatstheater Karlsruhe Verdis Frühwerk „Die Räuber (I Masnadieri)“ auf dem Spielplan. Der Dichter Andrea Maffei hatte den jungen Komponisten auf dieses Sujet hingewiesen: Unter anderem an Schillers Dialogen schärfte Verdi einst sein „Parlando“ – ein Stilmittel, mit dessen Hilfe sich sprechende und kantable Partien bruchlos miteinander verbinden ließen.

I Masnadieri, Badisches StaatstheaterInsofern gibt das Badische Staatstheater mit dieser Oper - das auf deutschen Bühnen selten ge-
spielt wird - gewissermaßen einen Einblick in Verdis frühe Werkstatt, und schon allein aus diesem Grund ist das Stück sehens- und hörenswert.

Freilich, die Oper hat szenische Schwächen. Maffei, der auch das Libretto schrieb, hielt sich auf Wunsch des Komponisten eng an Schillers Textvorlage, und dieser Umstand wiederum lässt wenig Raum für dramatische Entwicklungen in der Musik, die sich in der Oper aus den Beziehungen und Konflikten der einzelnen Charaktere, weniger aber aus Monologen ergeben. 
Doch Regisseur Alexander Schulin, der bereits mit Boitos „Mefistofele“ und in jüngerer Zeit mit Giordanos „André Chénier“ am Staatstheater Erfolge feierte, löst diese Aufgabe gekonnt: Er verlegt das Familiendrama in eine Art Puppenhaus (Bühne: Christoph Sehl); jeder agiert in einem Zimmer, in seiner eigenen Sphäre, miteinander haben sie wenig zutun. Das Haus des Vaters – es ist ein übergeordnetes, geschlossenes System, das allerdings eher zerstörerisch auf alle Beteiligten wirkt: Francesco, der Zweitgeborene, leidet darunter, vom Vater nicht wahrgenommen zu werden; das macht aus ihn einen zwanghaften, unkontrollierten Menschen.

I Masnadieri, Badisches StaatstheaterAuch Carlo zerbricht letztlich am Verlust des Vaters, der auf eine Intrige des Bruders zurückgeht –
doch er rebelliert, indem er sich offen gegen die bürgerliche Gesellschaft richtet. Der Wald, der das Haus umgibt, steht als Chiffre für die völlige Freiheit, für die Anti-Zivilisation, für das Unbekannte. Doch lediglich die Räume werden vom Grün überwuchert, das Wesentliche spielt sich zwischen begrenzenden Wänden und Topfpflanzen ab: Es ist nicht die wirkliche Freiheit, die Carlo wählt; sein Handeln offenbart vielmehr Unreife und eine allzu große Abhängigkeit von Enttäuschungen, die ihm von Seiten der Familie zugefügt werden. Schulin überspitzt diesen Prozess noch zusätzlich, indem er die Figur des Massimiliano (Vater) und die Figur des unerbittlichen Pastors Moser auf einen Darsteller reduziert: In diesem Konflikt kann es keine Erlösung geben.
Es ist völlig klar, dass die Liebe zwischen Carlo und der (ziellos von Raum zu Raum irrenden) Amalia somit auf keinem tragfähigen Fundament steht.

Auch sängerisch bewegt sich die Produktion insgesamt auf gutem Niveau. Zwar ist die Besetzung mit Keith Ikaia-Purdy (als Carlo) problematisch; er wirkt nicht nur darstellerisch blass, sondern er geht auch mehrmals hörbar an seine stimmlichen Grenzen. Umso staunenswerter die Leistung von Ina Schlingensiepen als Amalia (B-Besetzung): Ihre eher leichte, schlanke Stimme hat in letzter Zeit sehr an Farb- und Klangsubstanz gewonnen, die Verzierungen und Koloraturgirlanden liegen ihr ohnehin. Solide agiert auch Armin Kolarczyk (ebenfalls B-Besetzung), der Francescos pathogenen Seelenzustand geradezu überspitzt.
Unschlüssig ist man sich hingegen über die Figur des Vaters: Dem äußeren Anschein nach ist er ein bettlägeriger Greis, doch in der kraftvollen Darstellung durch Mika Kares wird er zur profilstarken Machtfigur, zumal dieser Eindruck verstärkt wird durch das personenreduzierte Regiekonzept: Geradezu erschütternd die Szene, in der Pastor Moser Francesco die Absolution verweigert und ihn damit in den Selbstmord treibt.

Aus Verdis vergleichsweise spannungsarmer Musik holen Jochem Hochstenbach und die Badische Staatskapelle viel an Feuer und Pointiertheit heraus; gewohnt souverän agiert auch der von Ulrich Wagner einstudierte Chor.
(Fotos: Jacqueline Krause-Burberg, A-Besetzung)

nächster Termin: Sonntag, 14.02., 19 Uhr



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