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21.02.10
Händel im Farbenrausch
Glanzvolle Eröffnung der 33. Karlsruher Händelfestspiele mit "Ariodante"
Der Schein trügt. Niemand darf in dieser Geschichte seinen Augen trauen; nicht dem Betrug der Geliebten, nicht dem ausschweifenden Liebesleben der Tochter. Denn hinter diesen vermeintlichen Entgleisungen steckt - wie so oft in Barockopern - die böse Intrige eines rasenden Eifersüchtigen, dem das Schicksal nicht so in die Hände spielt, wie er es sich wünscht.
Händels Oper "Ariodante" spielt in Schottland; es ist eine mittelalterliche Rittergeschichte,
die den Gesängen aus Ludovico Ariosts "Orlando furioso" ent-
nommen ist. Ariodante kommt an den Königshof und gewinnt nicht
nur das Herz der Prinzessin Ginevra, sondern er ist in den Au-
gen des Königs auch noch der bestmögliche Schwiegersohn und Nachfolger, den man sich wün- schen kann. Somit wäre alles in bester Ordnung - gäbe es da nicht Polinesso, den Herzog von Albany, der selbst gerne den Königsthron erobert hätte. Auf rechtmäßigem Weg hat er keine Chance - also gilt es, einen Keil zwischen die Liebenden zu treiben und Ginevras Ruf zu ruinieren. Dazu benutzt er Dalinda, Ginevras Hofdame, die sich verkleiden und somit alle Beteiligten täuschen soll.
Das stürzt die Liebenden in Verwirrung und Verzweiflung, doch Lurciano, Ariodantes Bruder, gibt im entscheidenden Moment die richtigen Hinweise, und so stellt Ariodante - wie es sich für einen edlen Ritter gehört - am Ende die Ehre der Königstochter wieder her.
Als Händel diese Oper schrieb, hatte die "Opera seria" ihre besten Zeiten hinter sich. Hinzu kam, dass die von Adeligen gegründete "Opera of the Nobility" die besten Sänger abwarb, und schließlich kündigte man Händel am King' s Theatre den Mietvertrag. Doch wie so oft erwies sich auch hier die Krise als Chance - und so profitierte Händel von einer neuen Spielstätte: Das Theater am Covent Garden hatte eine größere Bühne und einen größeren Orchestergraben. Händel komponierte wie im Farbenrausch.
Farbig ist auch die Inzenierung von Peer Boysen bei den Händel-Festspielen am Badischen Staatstheater. Grell sind die Kostüme, die ganze Gesellschaft wirkt künstlich wie ein Wachs- figurenkabinett; originell dazu die Idee, als Kulisse (eben dem "trügerischen Schein" entspre-
chend) eine Bühne zu wählen, die zudem an das barocke Theater angelehnt ist. Und so sprießen auf den verschiebbaren Prospekten bunte Schwertlilien, als sich die Liebenden ihren Frühlingsgefühlen hingeben; Kerzen brennen in den Gassen. (Dies passt auch gleichzeitig zu der barock inszenierten Produktion "Radamisto", die parallel dazu wieder aufgenommen wird.)
Ariodante verhält sich jedoch nicht durch und durch ritterlich. Vielmehr zeigt er Schwächen und spielt zwischendurch mit dem Gedanken an Selbstmord, legt also eher "romantische" Gefühle an den Tag. Boysen gewandet ihn nach der Gartenszene prompt mit schwarzem Mantel und Zylinder, und von nun an scheint es, als sei Ariodante einem viktorianischen Roman entsprungen.
Hin und wieder streut Boysen auch ein wenig Komik in die Szenerie; außerdem stellt er dem Geistlichen Odoardo, einem engen Berater des Königs (Barbara de Koy), eine weitere "stumme" Figur (Benito Marcelino) zur Seite. Glaube und moralische Verpflichtung spielen eine entscheidende Rolle in der Welt des Mittelalters; überflüssig und deplatziert ist jedoch die Szene, in der Ginevra ob ihrer Verfehlungen ans Kreuz gehängt wird: Spontane Empörung kommt aus dem Publikum (vielleicht erklärt dies die zahlreichen Buh-Rufe für Boysen).
Denn ansonsten hält sich sich die Inszenierung sehr zurück, sie wirkt eher wie ein unaufdringliches, gefälliges Beiwerk zur musikalischen Darbietung. Diese ist - trotz kleinerer Unsicherheiten - ein Hochgenuss: Was Michael Hofstetter anfasst, wird erwartungsgemäß zum lodernden Feuer. Die Badische Staatskapelle, erweitert um eine Continuo-Gruppe mit Barockgitarre und drei Lauten, stürzt sich mitten hinein ins Drama: Sie rast und wogt, sie seufzt und ermattet, schmiegt sich leise um die Singstimmen, als sich die beiden Hauptfiguren aus purer Verzweiflung nur noch ihrer Todesssehnsucht überlassen. Hinreißend illustriert zudem Alexander Scherf (Rezitativ-Cello) mit öligen Glissandi Polinessos Falschheit.
Franco Fagioli überstrahlt dabei
das Feld der Solisten: Für Ario- dante schrieb Händel die längsten und kunstvollsten Arien in dieser Oper, und die Stimme des jungen Countertenors, der bereits vor zwei Jahren als "Giulio Cesare" stürmisch gefeiert wurde, zeigt in der gesamten Partie weder Schwächen noch irgendwelche Ermüdungserscheinungen: Üppig blüht sie in den Höhen und Tiefen, bewegt sich schmiegsam durch die lyrischen Passagen, macht sich ganz schmal in den unenendlich langen, blitzsauber gesungenen Koloraturbögen. Die fabelhafte Kirsten Blaise (Ginevra) steht Fagioli in nichts nach. Aus ihr sprudelt zunächst die naive Verliebtheit, und gegen Ende, als man die Königstochter der Hurerei bezichtigt und sie daraufhin im Delirium versinkt, da wird der glasklare Sopran umnebelt von einem fahlen Schimmer und schwebt so überirdisch schön über den Streichern, als bestünde er nur aus Obertönen.
Blind vor Liebe (zu Polinesso) ist dagegen die junge Dalinda, und so wird sie zum Spielball der Intrigen: Ihre schlanke, helle Stimme und ihr mädchenhaftes Auftreten machen Diana Tomsche zur idealen Darstellerin für diese Figur. Gelegentliche Intonationstrübungen tun ihrer überzeugenden Darbietung dabei kaum Abbruch. Trotz anfänglicher Unsicherheit und einigen rhythmischen Problemen findet Ewa Wolak zu einer souveränen Linie; ihr gelingt eine glaubhafte Darstellung des machtsüchtigen Polinesso, der trickreich seine Fäden zieht.
Tadellos auch Mika Kares in der Rolle des schottischen Königs: Kernig und markant zeichnet er das Bild eines Herrschers, der sein Reich mit harter Hand führt und allzu große Nachgiebigkeit vor lauter Pflichtgefühl nicht duldet.
Nicht ganz überzeugend ist hingegen Bernhard Berchtold (Lurciano): Zwar gelingen ihm einige empfindsame Momente, und seine Rolle als das personifizierte Gewissen aller Figuren erfüllt er mit einer sehr menschlichen, natürlichen Art der Darstellung. Doch er kämpft gelegentlich mit der Höhe; seine Stimme klingt, als stünde sie auf keinem stabilen Fundament.
Insgesamt zeigt sich das Ensemble des Badischen Staatstheaters jedoch auch in diesem Jahr wieder einmal in einer glänzenden Händel-Verfassung.
(Fotos: Jacqueline Krause-Burberg; Termine: Dienstag, 23.02, und Freitag, 26.02, jeweils 19 Uhr; das vollständige Programm der Händel-Festspiele finden Sie unter dem neben stehenden Link)
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