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22.02.10
Barocke Meister mit scharfer Zunge
"Mögliche Begegnung der Herren Bach und Händel" mit Peter Sodann im Staatstheater
Sie sind einander nie begegnet - aber sie werden meist in einem Atemzug genannt: Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel, die beiden großen Meister des Spätbarocks.
Etliche Parallelen gibt es zwischen den beiden; sie beginnen bereits mit demselben Geburtsjahr. Doch während für
den erfolgreichen Theater-Unternehmer aus London die Musik in erster Linie ein Geschäft ist, feilt der Thomas-Kantor noch an der "Kunst der Fuge" - zu einer Zeit, in der man längst einfacher und melodiöser komponiert. Allein dieses unterschiedliche Musikverständnis gäbe reichlich Anlass für ein Streitgespräch, hinzu kommen Händels Weltgewandtheit, die Bachs Karriere-Stationen als vergleichsweise "provinziell" in den Schatten stellt. Ein pikanter Stoff also für Neid und Rivalität - aber auch für Einsichten und Bekenntnisse am Ende zweier großer Künstlerleben.
Auf dieser Grundlage schrieb Paul Barz eine köstliche Kömodie; eine "mögliche Begegnung der Herren Bach und Händel im Jahre 1747": Anlass ist die Aufnahme Bachs in die "Societät der musikalischen Wissenschaften", der Händel bereits als Ehrenmitglied angehört.
Sie treffen sich zum Diner, sie belauern sich vorsichtig, stecken ihr Terrain ab, und sie tun dies zunächst mit den bekannten Klischees: Der erfolgsverwöhnte Händel gibt sich selbstgefällig, denn schließlich reißt sich die Welt um ihn. Bach dagegen ist eher wortkarg und zurückhaltend; alles was ihn interessiert, ist die hohe Kunst: "Ich komponierte für die Ehre", erklärt er; "für die komponiere ich auch", erwidert Händel, "aber zu Höchstpreisen." Für Händel gibt es nur Superlative, und diese vor allem im Äußeren. Er genießt nicht nur regelmäßig Austern, nein, Londons Austernhändler wissen ihn gar zu schätzen, während Bach sich mit den teuren Schalentieren nachweislich schwer tut. So entwickelt sich ein waches Duell aus kleineren Sticheleien und Seitenhieben, die sich unter anderem auch an feinen Wortspielen entzünden - und dann gibt es in diesem Spiel noch Johann Christoph Schmidt, Händels Faktotum, der den Übertreibungen seines Dienstherren immer wieder mit gezielten Bemerkungen den Wind aus den Segeln nimmt.
Ideal ist die Besetzung in diesem verbalen Schlagabtausch, dargeboten als szenische Lesung am Badischen Staatstheater (auf Einladung der Händel-Gesellschaft): Hilmar Eichhorn als aufbrausender, beifallheischender Händel, und daneben Peter Sodann als Bach, der sich zwar zurückhaltend und introvertiert gibt, aber dennoch geschickt zu kontern weiß; dazu Reinhard Straube, der in der kleinen Rolle des Faktotums ebenfalls Akzente setzt.
Und dann, ganz allmählich, treten auch andere Seiten zu Tage: Ein nachdenklicher Händel gesteht, dass er Bach insgeheim immer bewundert hat; er gesteht seine Versagensängste im täglichen Kampf ums Überleben auf dem freien Musik-Markt.
Bach hingegen entpuppt sich ebenfalls als schwieriger Charakter: Wer seinen musikalischen Ansprüchen nicht gewachsen ist, der wird beschimpft oder muss sich schon mal Perücken an den Kopf werfen lassen, und am Ende sinniert auch er über Versäumnisse und Mißerfolge. Doch dann holen sie aus zum fulminanten Finale: Händel schüttelt den Kopf darüber, dass "ein Genie wie Sie so erfolglos ist", und Bach ereifert sich, weil "ein solches Mittelmaß" wie Händel im Gegenzug Erfolg hat.
Doch für euphorische Träumereien, die dann noch aufflackern (Händel soll den "Messias" in der Thomaskirche aufführen und Bach in London eine Oper schreiben) ist es zu spät - und so treten mit großem "Halleluja" zwei Meister von der Bühne ab.
(Foto: Badisches Staatstheater Karlsruhe)
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