16.03.10
Spektralmusik und Tennisbälle
Zum Festival "Quantensprünge" am ZKM


Bereits zum zehnten Mal trafen sich am ZKM Karlsruhe die Stipendiatinnen und Stipendiaten der Internationalen Ensemble Modern Akademie (IEMA): Dieser Einrichtung ist es zu verdanken, dass junge Musiker die Möglichkeit haben, sich im professionellen Rahmen zeitgenössische Werke zu erarbeiten und junge Komponisten dabei ihre eigenen Stücke realisieren können.
Sie spielten dabei auf gewohnt hohem Niveau; an drei Konzerttagen gab es unter der Leitung von Susanne Blumenthal und der Klangregie von Gerald Golka (beide ebenfalls Stipendiaten der IEMA) Werke von Bartok, Ligeti, Stockhausen oder Steve Reich - aber auch von zeitgenössischen Komponisten der jüngeren Generation.


Quantensprünge, ZKM KarlsruheVito Zuraj beispielsweise studierte an
der Karlsruher Musikhochschule und unterrichtet dort Instrumentenkunde und Gregorianik, und er gehört derzeit
zu den Stipendiaten der IEMA. Sein Stück "Dropshot" (für zwei Hörner und Ensemble) ist Teil einer Reihe von Kompositionen, mit denen der begei-
sterte Tennisspieler einige Spielsituationen und damit verbundene Erfahrungen musikalisch umschreibt:
Der Werktitel bezieht sich auf einen kurz geschlagenen Ball, der Dynamik bringen soll, weil er schwer zu erlaufen ist, und
in der Tat hat man während des Hörens den Eindruck, als belauerten sich die Beteiligten, um dann auf eine günstige Gelegenheit zu warten: Streicher, Kla-
vier und Schlagzeug scheinen anfangs umeinander herum zu schleichen, im Laufe des Stücks wird alles größer, lauter, dichter. Die Hörner (Saar Berger und Sharon Polyak) die sich auch musikalisch lebhaft die Bälle zuwerfen spielen teils giftig, teils aggressiv - der abgedämpfte Schalltrichter sorgt dabei für einen zugespitzten Klang. Es ist ein ständiger Wechsel zwischen Ruhe, Lauerstellung und Angriff, der sich manchmal in kurzatmig ausgestoßenen Gedanken äußert.

Auch einen Schwerpunkt mit Werken französischen Komponisten gab es innerhalb des Festivals - beispielsweise mit zwei Vertretern der Spektralmusik: Diese konzentriert sich auf die Obertöne eines Klangs und damit (ganz in der Tradition von Maurice Ravel oder Olivier Messiaen) auf die Modifikation der Klangfarben. Ein Messiaen-Schüler ist beispielsweise Tristan Murail; in "Treize couleurs du soleil couchant" beschäftigt er sich mit den wechselvollen Farben eines Sonnenuntergangs, und ebenso fließen die Klänge ineinander: Aus dem Quietschen, Kratzen, Schaben und den Flageolett-Tönen der Streicher (Filip Michael Saffray, Violine, und Yen-Ting Liu, Violoncello) wächst plötzlich bruchlos ein Klarinettenton (Boglarka Pecze), das Klavier (Daniel Lorenzo Rubio) tropft hinein, die Klänge changieren, verbinden sich. Konturen verwischen im Klangnebel, später werden die Klänge tiefenlastig; alles wird wuchtiger, dunkler, schwerer - als mischten sich plötzlich dunkle Wolken in den Abendhimmel.
In Gérard Griseys "Vortex temporum" werden Teiltöne und Obertonreihen um Vierteltöne nach oben und unten verschoben - und das gut halbstündige Werk hat eine besondere Dynamik: Aufschäumende Wirbel und Akzente zu Beginn, manchmal lösen sich einzelne Instrumente heraus. Das Klavier durchpulst die Szene, scheint plötzlich alles zu zerschlagen, dann wiederum schweben Klangschlieren in den Raum.
Manchmal klingen die Instrumente sirenenhaft, kreisen penetrant um einen Ton. Gegen Ende scheinen sich die Klänge geradezu aufzulösen, werden luftig und wolkig - vor allem in den Bläsern (Gregor Schulenburg, Flöte, und Boglarka Pecze, Klarinette).

Régis Campo gehört zu den französischen Komponisten der jungen Generation und ist ein Schüler von Gérard Grisey: In seinem Stück "Anima" spielen Linien eine große Rolle - gezogene Linien, die immer wieder von Skalen durchbrochen und von Ryhtmen verschoben werden, bis gegen Ende die Klänge verschwimmen und zu Klangflächen werden: Einmal mehr waren die Darbietungen bei den "Quantensprüngen" farbig und vielseitig.
(Foto: Alice Dziewinski, ZKM)








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