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22.03.10
Hingebungsvoll und kühn
Krystian Zimerman mit Chopin-Abend im Festspielhaus
Von Christine Gehringer
r macht sich rar, der einstige Gewinner des Warschauer Chopin-Wettbewerbs: Krystian Zimerman gilt als perfektionistischer Arbeiter und reist zudem mit eigenem Flügel. Dementsprechend hoch waren die Erwartungen beim Chopin-Abend des 53jährigen Polen im Festspielhaus Baden-Baden.
Der Abend beginnt mit dem Nocturne Fis-Dur, das leise fordernd, wie eine behutsame Frage im Raum steht. Die Koloraturen federn, und sanft werden sie abgeschwungen: Zimerman verbreitet gleich zu Beginn einen reizvollen Charme mit diesem sinnlichen Stück.
Doch über der anschließenden b-moll-Sonate op. 35 liegt eine eigenartige, ungesunde Spannung. Gewiss, das Anfangsthema ist ungestüm, schroff und ruhelos - doch beim Hören empfindet man Stress, fast durchweg; man hat das Gefühl, die Musik zieht sich ständig zusammen - und gestresst wirkt auch Zimerman selbst, ja, man glaubt gar, den einen oder anderen Fehlgriff auszumachen. Kaum Kontraste bietet das lyrische Seitenthema: Es klingt nicht wie ein beruhigender Gesang, sondern eher sachlich und kühl. Die aufrührerische Stimmung des Satzes führt schließlich dazu, dass sich diese Spannung beim Publikum offensichtlich in (leider störendem) Beifall entladen muss.
Doch für den Rest der Sonate herrscht gespannte Stille. Schwer rollt der Trauermarsch, und Zimerman spielt ihn, als wolle er die Trostlosigkeit des gesamten Satzes in jede Note legen - all das wird nur durchbrochen von einem zarten Gesang, der aufblitzt wie eine wehmütige Erinnerung: Welch ein Kontrast zum trockenen Beginn der Sonate! Der Trauerzug, so hat man den Eindruck, entschwindet leise - und was zurückbleibt, ist eine geisterhafte Atmosphäre: Das Finale verschwimmt im Unwirklichen, im Nebelulösen. Brillant im Anschluss das Scherzo op. 31, hoch aufschäumend dabei die Kaskaden, und rechte und linke Hand scheinen geradezu lustvoll miteinander zu spielen.
Der zweite Teil des Abends bringt dann endgültige Entspannung: Plötzlich ist der Klang verändert, er klingt nicht mehr nüchtern und metallisch, sondern blüht viel üppiger. Die klar aufsteigenden Linien im Kopfsatz der h-moll-Sonate (op. 38) sind entschlossen, die Lyrik gedankenverloren, gar hingebungsvoll. Im Scherzo sind die Linien innig ineinander verschlungen, sie sind bis ins Detail ausgekostet. Eine andächtige Ruhe liegt über dem Largo, wo Zimerman manche Note fast behutsam zurückbehält: Nur keine Vorwegnahme, nur kein Zu-früh-Kommen. Das Finale - wie ein kühner, geradliniger Gipfelsturm - lässt keine Wünsche offen: Tobender Applaus kommt von den Rängen. Mit verhaltenem Charme widmet sich Zimerman schließlich der Barcarolle Fis-Dur (op. 60), geradezu liebevoll verspielt, mit einer unglaublichen Reinheit und Ehrlichkeit: Das war ganz große Kunst - ebenso wie die Zugabe, der Walzer cis-moll op. 64, mit dem der sympathische Künstler seinem Publikum bedeutet, dass nun Zeit zum Schlafen sei.
(Foto: Andrea Kremper)


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