22.03.10
Mit epischem Atem
Liedduo Michael Nagy und Juliane Ruf begeisterten im Schloss Bruchsal


Beim Liederabend gerät meist der Pianist - mehr als in anderen Kammermusik-Formationen und sehr zu Unrecht - in den Hintergrund, er gilt bestenfalls als Liedbegleiter. Grund genug also, zum Einführungsgespräch im Rahmen des Bruchsaler Schlosskonzerts die Pianistin des Abends ans Mikrofon zu bitten: Juliane Ruf, Absolventin der Liedklasse von Irwin Gage an der Musikhochschule Saarbrücken, schilderte das "Erlebnis Liederabend" aus ihrer Sicht - und man erfuhr, dass ein Lied-Pianist gegenüber seinen Kollegen ganz eigene Qualitäten mitbringen muss: das besondere Interesse an Sprache und Dichtung, die Fähigkeit, das Klavier zum Singen zu bringen und dabei mit dem Sänger zu atmen. Denn beim Liederabend ergänzt der Pianist die Singstimme, oft sind beide gleichberechtigt, und ebenso wie der Sänger muss auch der Partner am Klavier in der Lage sein, den Text mit klanglichen Farbnuancen auszudeuten.

Michael NagyDavon konnte sich das Publikum im Bruchsaler Schloss im Anschluss selbst überzeugen. Anspruchsvolle Werke hatten die Pianstin und der 34jährige Bariton Michael Nagy, ehemaliger Hymnus-Chorknabe, aufs Programm gesetzt. Sie beginnen mit Schuberts antiken Gesängen nach Texten seines Freundes Johann Mayerhofer: Kein aufgehelltes Bild jener Epoche wird hier entworfen, vielmehr liegt eine versunkene Welt im Dunkeln, und nur
in den kurzen Momenten, da der Mensch mit den Göttern in Berührung kommt, lichtet sich die Musik.
Das bedeutet für den Sänger: Hier ist ein langer, epischer Atem notwendig, ein großer, stets formbarer und meist düsterer Klang, der über weite Strecken aufrecht erhalten werden muss.
Die Stimme von Michael Nagy hat bemerkenswerte Möglichkeiten. Die Intervallsprünge zu Beginn, die kraftvollen Linien - all das nimmt er unter einen zielstrebigen Bogen und in einen solch stählernen Klang, dass man den Vortrag mit den letzten Zeilen aus Heliopolis II zusammenfassen könnte: "Lass die Leidenschaften sausen im metallenen Akkord". Für besondere Momente heben sich die beiden einen schlanken, fast barocken Klang auf ("zur Blume, die sich Helios erkoren"), eindrucksvoll schlicht sind die "Dioskuren", und über den "nachtgebor'nen Nebelmauern ("Memnon") liegt ein aparter Schleier.
Allerdings bewegt sich der kraftvolle Bariton von Michael Nagy oft an der Grenze zur Härte, für den kleinen Kammermusiksaal ist der Klang fast zu laut. Umso erstaunlicher, dass trotz dieses Kraftakts die Stimme stets geschmeidig bleibt und jeder Zeit zu leisen Rückzügen in der Lage ist: Das spricht für die technischen Qualiäten des jungen Interpreten.
Seine darstellerische Ausdruckskraft scheint Michael Nagy jedoch oft im Äußeren zu suchen. Ein wenig mehr Zurückhaltung und ein wenig mehr Verinnerlichung - das käme seinem Vortrag sehr zu Gute.

Juliane RufEine erschütternde Auseinandersetzung mit dem Tod sind die "vier ernsten Gesänge" von Johannes Brahms; auf der Grundlage von alttestamentarischen Texten, die ein erschreckend dunkles Lebensbild zeichnen. Diese trostlose Gefühlslage trifft Michael Nagy so eindringlich, dass einen fast schaudert: Manchmal scheint der Erzähler anzuschreien gegen die Unbarmherzigkeit des Schicksals, stellenweise wirkt er gar angewidert.
Ganz anders im zweiten Teil des Abends die Mörike-Lieder von Hugo Wolf. Ein Bilderbogen mit raschen Stimmungswechseln und behutsamen Farbtupfern entfaltet sich hier, denn der geniale Liedkomponist Wolf durchleuchtet nicht nur jedes Wort, sondern auch, was zwischen den Zeilen steht. Auch hier zeigen beide Interpreten, wie wachsam sie mit dieser Vorlage umgehen: Zwielichtig beginnt "Der Genesene an die Hoffnung", voll drängender Unruhe das "Lied eines Verliebten", und in einem warmen, übermütig-beseelten Ton die "Fußreise". Am Ende der "Wanderung", im Ausruf " O Muse, du hast mein Herz berührt" scheint alles Irdische vom Klang abzufallen; die Musik ist nur noch ein durchsichtiges, sanftes Gebilde. Mehr "Liebeshauch" geht nicht, das scheinen auch die beiden Interpreten zu spüren - und an dieser Stelle huscht Juliane Ruf ein zufriedenes Lächeln über das Gesicht.
Frühwerke von Richard Strauss ( fünf Lieder aus op. 10 von Hermann von Gilm) beenden den Abend in einem Tonfall aus frischer Eleganz, Entschlusskraft und Geradlinigkeit - bis nach dem letzten feierlichen "Habe Dank" schließlich stürmischer Beifall losbricht.






Die Hörbuchreihe zur klassischen Musik. Mit 150 Musikbeispielen von 70 Komponisten, vom Mittelalter bis zu Moderne.



zurück zur Hauptseite

zurück zu "Kritik"



Links zum Thema

Bruchsaler Schlosskonzerte

© Pamina Magazin, Redaktion, Impressum