23.03.10
Brahms unter der Lupe
Anne-Sophie Mutter und das London Philharmonic Orchestra in Baden-Baden

Von Christine Gehringer

Wenn Anne-Sophie Mutter das Podium betritt, dann stellt man sich meist die spannende Frage: Wird sie einem Standardwerk, das in etlichen Referenz-Einspielungen vorliegt, noch Neues abgewinnen können? Und: Hat man von dieser Künstlerin der Superlative zwangsläuig immer ein musikalisches Großereignis zu erwarten?

Anne-Sophie Mutter, Festspielhaus Baden-BadenEs war, als wolle sie das Brahms-Violinkonzert, das etliche der Festspielhaus-Besucher unzählige Male gehört haben dürften, nochmals in besonderem Maße unter die Lupe nehmen; als sei es ihr ein Anliegen, das Ohr für möglicherweise noch ungehörte Details zu schärfen.
Zuvor haben ihr Ludovic Morlot und das London Philharmonic Orchestra dafür einen sorgsamen Boden bereitet: Mit Wagners Lohengrin-Vorspiel, das sich dafür besonders eignet, weil es eine fast überirdische, gleichmäßige Ruhe verströmt und somit an Spannung und Emotionsgeladenheit nichts vorwegnimmt.
Und in der Tat: Wie Morlot den Londonern erst ein ätherisches Flirren entlockte und diesen Klangfluss dann ganz allmählich in die dunkleren, blechgesättigten Farben hinüberfließen ließ - das schärfte die Sinne, reizte die Hör-Erwartung.

Dann also der mit Spannung erwartete Brahms: Kühn nimmt Anne-Sophie Mutter ihre erste Solo-Passage, und als sie danach das kantable Thema ansteuert, wird schnell klar, worin die Größe dieses Abends besteht: Mutter lässt sich Zeit, viel Zeit für die Übergänge, für sorgsames Abphrasieren, für die Vorbereitung ihrer nächsten Gedanken - und diese bietet sie in einer solchen Essenz des Ausdrucks, als sei sie ein Dichter, der Lyrik formuliert. Auch Morlot dosiert sparsam; er sorgt für einen transparenten Klang, für konzentrierte, zugespitzte Akzente.
Betörend ist vor allem das Adagio (nach einer fabelhaften Oboe-Kantilene): Hier nimmt Anne-Sophie Mutter alle Bewegung aus der Linie, sie entschleunigt fast bis an die Grenzen - und trotzdem (oder deshalb?) hat man den Eindruck, gerade jetzt, in diesem Augenblick, findet Musik statt. Das gelingt nur ganz großen Interpreten.
Das virtuose Rondo nimmt sie - nicht anders erwartet man es von ihr - mit einer makellosen Eloquenz; und die Zugabe wird nochmals zum Ereignis: Mutter spielt die Sarabande aus Bachs d-moll-Partita ("zur Beruhigung") in einem fadenfeinen, beinahe surreal schimmernden Ton.
Danach holen Morlot und das London Philharmonic Orchestra ihr Publikum wieder auf den Boden zurück. Aufwühlend und akzentreich, charmant und schwärmerisch interpretieren sie Dvoraks siebte Sinfonie d-moll, mit elegant geschwungenen Bläsermotiven, mit geschmeidigem Fluss und einem sehr drängenden Finale: Als Zugabe erklatschte sich das begeisterte Publikum schließlich noch einen slawischen Tanz (op. 72,2).
(Foto: Andrea Kremper)






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