04.04.10
Im Stile Bachs
Bachchor Karlsruhe und Camerata 2000 mit Ton Koopmans Rekonstruktion der Markus-Passion

Von Christine Gehringer

Bachs verschollene Markus-Passion hat im Laufe der vergangenen Jahre etliche Experten zur Rekonstruktion gereizt. In der Evangelischen Stadtkirche war nun - als Karlsruher Erstaufführung - das Werk des Niederländers Ton Koopman zu hören, dargeboten vom Bachchor Karlsruhe und der Camerata 2000 unter der Leitung von Christian-Markus Raiser (s. auch Bericht vom 26.03.).

Das Evangelium nach Markus ist das kürzeste und zugleich auch das nüchternste der vier Evangelien; die Erzählung führt geradlinig auf den Kreuzestod Jesu zu.
Es dürfte deshalb eine Herausforderung für jeden Komponisten sein, diese Nüchternheit in packende Musik umzusetzen - und vor allem ist es eine Herausforderung für jeden Rekonstrukteur, den vorhandenen Text mit dem passenden musikalischen Material zu versehen, sodass die Musik den Hörer sofort in die Szenerie hineinführt.

Bachchor Karlsruhe und Camerata 2000Bei Bachs Markus-Passion handelt es sich um ein sogenanntes "Parodiewerk" - der Komponist griff hier also auf ältere Kompositionen zurück, die mit neuem Text versehen wurden (die freie Dichtung stammt aus der Feder von Christian Friedrich Henrici, der sich selbst "Picander" nannte).
Andere Rekonstrukteure wählten Bachs "Trauerode" (zum Tod der Kurfürstin von Sachsen) als Grundlage für die Rahmenchorsätze und einige Arien, doch Ton Koopman ging neue Wege: Beispielsweise entschied er sich für den Eingangschor aus der Kantate BWV 25 ("Es ist nichts Gesundes an meinem Leibe"), und diese Wahl ist ausgesprochen glücklich. Die gesamte Schwere des Kreuzes scheint auf dieser Musik zu lasten; es ist eine erdrückende, fast monotone Bewegung, die den Weg nach Golgatha vorzeichnet ("Geh Jesu, geh zu deiner Pein"). Hinzu kommt, dass der Bachchor Karlsruhe hier zu einem leichten, schwebend-transparenten Klang findet; vor dem Hintergrund des Textes wirkt dieser Ausdruck wie ein erschrecktes Flüstern, das über dem fließenden Legato des Orchesters liegt.
Die Rezitative - die Träger der Evangeliums-Erzählung - schrieb Koopman selbst, "im Stile Bachs". Das gibt dem Werk eine gewisse Geschlossenheit, ist jedoch nicht unproblematisch. Denn diese langen Erzähl-Strecken wirken oft recht spröde, sie sind - trotz vieler gelungener Momente - längst nicht so flüssig und elegant wie beim "Meister". Manchmal klingt es, als sei am Ende des musikalischen Bogens noch Text übrig gewesen, den Koopman irgendwie in Töne setzen musste.
Problematisch war auch die musikalische Umsetzung: Der Tenor von Jörg Brückner klang in den höheren Lagen eng und gepresst; in seinen Arien zeigte er zudem deutliche Unsicherheiten.
Souverän und mit rundem, ausgewogenen Klang agierte dagegen der Bariton Thomas Scharr (Christus-Worte); er überzeugte zudem durch eine große Präsenz in seiner Darstellung. Gleiches gilt auch für Armin Kolarczyk (Bariton), der seine Arien in einen ruhigen und geschmeidigen Fluss setzte.
Angenehm timbriert und zugleich geschmackvoll im Ausdruck nahm sich Regina Grönegreß (Mezzosopran) ihrer Partie an; im Duett "Er kommt" (ursprünglich aus der Osterkantate BWV 4) harmonierte sie zudem hervorragend mit Carolin Abeln, deren Sopran viel Farbsubstanz und einen disziplinierten Stimmsitz, hin und wieder jedoch auch einige Schärfen aufwies.
Selbstbewusst absolvierte Thomas Wyss seine kurzen Einwürfe, beispielsweise des Petrus, Judas, Miles und Centurio, und zwischen all diesen Szenen wirkte der Bachchor Karlsruhe geradezu wie ein fester Anker: ausdrucksstark in den Chorälen, herzhaft zupackend in den Turba-Chören (den Einwürfen des Volkes), soweit dies die Knappheit der Äußerungen zuließ. Denn dies ist eine weitere, grundsätzliche Schwachstelle eines Rekonstruktionsversuchs: Die Turbae, die sehr eng an den Text gebunden sind, hätte Bach wohl neu komponiert. So aber fehlen die entscheidenden Farbtupfer, die Affekte, die gerade in den originalen Bach-Passionen so packend sind. Immerhin: Der Chor unter der souveränen Führung von Christian-Markus Raiser konnte wachrütteln, angreifen, einfühlsam reflektieren.
Den Sängern zur Seite stand mit der Camerata 2000 zudem ein ebenso souveränes Orchester, das vor allem in den Holzbläsern und einem weich deklamierenden Violoncello für (Solo-) Glanzpunkte sorgte - und erwartungsgemäß groß war am Ende der Jubel über diese Aufführung.






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